Kapitel 3: Der Countdown
Professor Hayes’ Worte hallten noch in Evelyns Gedanken nach.
Eine Woche.
Die Nova Group.
Sie wusste nicht, wie lange sie dort gestanden hatte, bis ihre Beine taub waren und der Bildschirm ihres Handys vollkommen schwarz geworden war.
Evelyn atmete tief ein und zwang sich zur Ruhe.
Sie aktivierte den Bildschirm erneut, ließ ihre Fingerspitze über das Display gleiten und tippte „Nova Group“ in die Suchleiste ein.
Sofort wurde der Bildschirm mit Informationen geflutet, von der offiziellen Website des Konzerns über Börsendaten bis hin zu den neuesten Meldungen seiner wichtigsten Marken.
Evelyn überflog rasch die offiziellen Daten und verlegte ihre Suche dann auf den „Präsidenten für den asiatisch-pazifischen Raum“, den sogar Professor Hayes ausdrücklich erwähnt hatte.
Die Ergebnisse, die aufpoppten, versetzten ihr jedoch einen Schock.
Es gab keine formellen Wirtschaftsinterviews, kein elitäres Bild eines Wirtschaftstitanen. Die gesamte Seite wurde von den grellen Schlagzeilen diverser Boulevardblätter und Klatschkolumnen beherrscht.
„Präsident der Nova Group Asien-Pazifik feiert wild, verbringt die Nacht mit mehreren Stripperinnen!“
„Erwischt! Sex-Tape-Skandal um Nova-Group-Präsident Asien-Pazifik – PR-Team im Krisenmodus!“
Die dazugehörigen Bilder waren abstoßend. Obwohl das Gesicht der zentralen Figur stark verpixelt war, strahlte die große Silhouette, umringt von einer Schar spärlich bekleideter Frauen, dennoch den dekadenten Lebensstil von „Wein, Weib und Gesang“ aus.
Der Mann auf dem Foto hatte jeweils einen Arm um eine Frau gelegt, seine Haltung war anzüglich und leichtfertig. Der Hintergrund zeigte eine Szene verschwenderischer Feierei.
Das war also das wahre Gesicht des Mannes, der die Macht hinter dem sogenannten weltweiten Top-Modeimperium innehatte – schmutzig und verachtenswert.
Sofort kamen die Erinnerungen an Damians Heuchelei und Verrat wieder hoch. Es schien, als seien diese Männer, die an der Spitze der Pyramide standen, alle aus demselben Holz geschnitzt.
Evelyn schaltete ihr Handy aus; der letzte Rest Verwirrung in ihren Augen war endgültig verflogen.
Das Erste, was Evelyn tat, nachdem sie sich wieder gefasst hatte, war, zum Kalender zu gehen, der an der Wohnzimmerwand hing.
Sie nahm einen roten Marker, dessen Spitze über dem Papier schwebte.
Sie übersprang die Daten, die als Damians „wichtige Termine“ markiert waren, und ignorierte die Jahrestage, die sie einst sorgfältig eingekreist hatte – Daten, die nun vollkommen lächerlich wirkten.
Evelyns Blick blieb auf einem Tag in drei Monaten haften.
Neunzig Tage.
Ihr Bauch war noch flach, aber in neunzig Tagen würde sich nichts mehr verbergen lassen. Dies war die letzte, dringendste Frist, die ihr Körper ihr gesetzt hatte.
Evelyn musste diesen Käfig mit ihrem Kind noch vor diesem Zeitpunkt verlassen.
Am nächsten Morgen war Damian ungewöhnlicherweise zu Hause.
Er war bereits vollständig angezogen und bereit zu gehen, wobei ein Anflug von Ungeduld auf seinem Gesicht lag, als sein Blick versehentlich über den Wandkalender strich.
„Was soll das jetzt wieder?“
Er runzelte die Stirn und deutete auf den grellen roten Kreis, sein Tonfall voller Erschöpfung und Verachtung. „Evelyn, kannst du mit diesem nutzlosen Unsinn aufhören? Welcher verdammte Jahrestag ist es diesmal? Ich habe keine Energie für deine langweiligen ‚Vater-Mutter-Kind‘-Spiele.“
„Es ist kein Jahrestag.“
„Was ist es dann?“, drängte er, seine Ungeduld war offensichtlich.
„Eine kleine Erinnerung“, sagte sie leise. „Eine Erinnerung daran, ein kleines Problem zu lösen.“
Er hielt inne, begriff Evelyns Bedeutung offensichtlich nicht, oder vielleicht war es ihm einfach zu mühsam, darüber nachzudenken.
„Wie du willst. Hör einfach auf, mich mit diesen unbedeutenden Kleinigkeiten zu belästigen“, höhnte er und griff nach oben, um seine teure Krawatte zurechtzurücken.
„Die Firma befindet sich in einer kritischen Phase vor dem Börsengang. Ich bin in letzter Zeit sehr beschäftigt. Geh nicht aus, bleib zu Hause und mach mir keinen Ärger.“
Damit ging er hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen.
Die Tür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss. Evelyn blickte auf den roten Kreis, ihr Herz blieb ungerührt.
Durch das Fenster beobachtete sie, wie sein Wagen am Ende der Auffahrt verschwand. Erst dann ging Evelyn zu dem kunstvollen schmiedeeisernen Eingangstor.
In dem Moment, als ihre Hand den kalten Griff berührte, erschien lautlos eine Gestalt in Dienstmädchenuniform vor ihr. Sie verbeugte sich leicht, ihre Haltung war respektvoll, doch ihren Worten fehlte jegliche Wärme.
„Gnädige Frau, der Herr hat angewiesen, dass Sie sich in letzter Zeit nicht wohlfühlen und sich zu Hause ausruhen müssen. Sie dürfen nicht ausgehen.“
Evelyn sah sie an – ein völlig fremdes Gesicht.
Damian hatte jeden vertrauten Menschen in ihrer Umgebung ausgetauscht.
„Ich möchte nur einen Spaziergang machen.“
„Die Gärten auf dem Anwesen sind für Ihre Spaziergänge völlig ausreichend, gnädige Frau.“ Das Dienstmädchen hielt den Kopf gesenkt, doch ihr Körper stand da wie eine Mauer und versperrte Evelyn vollständig den Weg.
Evelyn verstand.
Das war keine Erholung, das war Hausarrest.
Sie stritt nicht und wurde auch nicht wütend. Evelyn starrte das Dienstmädchen nur einen Moment lang an, drehte sich dann um und ging Schritt für Schritt zurück zum Sofa im Wohnzimmer.
„In Ordnung“, sagte Evelyn und lehnte sich auf dem Sofa zurück. „Da ich nicht hinausgehen kann, könnten Sie mir bitte etwas Papier und einen Bleistift bringen? Irgendein Papier genügt, ein Skizzenbuch wäre am besten, aber gewöhnliches Papier ist auch akzeptabel.“
Das Dienstmädchen schien von ihrer gelassenen Reaktion überrascht zu sein und zögerte kurz, bevor sie nickte. „Ja, gnädige Frau. Ich werde sofort nachsehen.“
Wenige Minuten später kehrte das Mädchen mit einem dünnen Notizheft und einem gewöhnlichen Bleistift zurück.
Das Papier war grob und vergilbt, und der Bleistift war von billiger Machart, wie Ausschussware, die schon lange in einem Lagerhaus gelegen hatte.
Evelyn nahm Papier und Stift entgegen und bedankte sich.
Das Dienstmädchen sah aus, als wollte sie noch etwas sagen, doch am Ende schwieg sie und zog sich zurück.
Evelyn schlug das Heft auf. Das minderwertige Papier verströmte einen schwachen, säuerlichen Geruch. Die Bleistiftspitze kratzte über die raue Oberfläche und erzeugte ein leises Schhh-Geräusch.
Und so verbrachte sie Tag um Tag mit Zeichnen. Auf dem Wohnzimmersofa, auf dem Couchtisch.
Skizzen türmten sich auf, Stapel um Stapel, und jede einzelne trug die Last ihrer Sehnsucht nach Flucht.
Spät in jener Nacht war Evelyn gerade darin vertieft, einen Designentwurf zu überarbeiten, als vom Eingang plötzlich das Geräusch eines sich drehenden Schlüssels zu hören war, gefolgt vom unordentlichen, vermischten Klackern von High Heels und Herrenschuhen.
Sie blickte auf und sah die Szene, die sie am wenigsten hatte sehen wollen.
Sienna stützte den schwer betrunkenen Damian fast im Alleingang, als sie hereinstolperten.
Sie trug ein enges rotes Kleid, das ihre Figur betonte, ihr Make-up war perfekt, und sie strahlte die Aura einer Siegerin aus.
„Ach herrje, Evelyn, du bist noch wach?“
Als sie Evelyn sah, sprach sie mit geheuchelter Überraschung. „Damian hat sich bei einem Geschäftsessen betrunken und darauf bestanden, dass ich ihn nach Hause bringe. Ich konnte einfach nicht nein sagen.“
Während sie sprach, lehnte sie Damian demonstrativ gegen sich, ihre Haltung so vertraut wie die eines echten Paares.
Damian murmelte etwas Unverständliches, vollkommen abgefüllt.
Evelyn sagte nichts, sondern beobachtete ihre Vorstellung nur mit kalter Distanziertheit.
Sienna hievte Damian mühsam auf das Sofa, richtete sich dann auf und fuhr sich beiläufig mit der Hand durchs Haar – eine Geste, die das funkelnde Diamantcollier an ihrem Hals enthüllte.
Es war die „Träne des Sterns“, ein kostbares Stück, das Evelyn letzten Monat in einem Schmuckmagazin gesehen hatte.
Sie hatte einmal gegenüber Damian gescherzt, es zu tragen sei, als würde man sich die Galaxie um den Hals hängen.
