Kapitel 2: Ein harter Kuss
Evelyn erwachte im Krankenhaus, umgeben von weißen Wänden, während der stechende Geruch von Desinfektionsmittel in ihre Nase stieg.
Ihre Lippen waren ausgedörrt. Als sie versuchte, sie zu befeuchten, erschien ein Becher Wasser an ihrem Mund.
Sie blickte auf und begegnete einem Paar sanfter Augen.
„Evelyn, es ist lange her.“
Der Mann trug einen weißen Kittel, sein Lächeln wirkte vertraut. Es war Ethan, ein Jahrgang unter ihr an der Uni.
„Ethan?“ Evelyn war überrascht.
Ethan half ihr behutsam beim Trinken. „Du hast den Kontakt zu allen abgebrochen, nachdem du das Studium geschmissen hast. Es ist schön, dich wiederzusehen.“
Seine Worte ließen Evelyn schuldbewusst den Kopf senken.
Damals hatte Damian gerade seine Firma übernommen. Aus Sorge um seinen vollen Terminkalender hatte sie den Rat ihrer Professoren ignoriert und das Studium abgebrochen, um ihm als unterstützende Ehefrau zur Seite zu stehen.
Rückblickend erschien ihr das so unglaublich töricht.
„Dem Baby geht es gut. Du brauchst nur viel Ruhe. War das dein Mann, der dich hergebracht hat? Ich sollte ihm erklären, worauf er achten muss …“
„Sag es ihm nicht!“ Die Worte platzten aus Evelyn heraus.
Ethan sah in ihr blasses Gesicht und nickte schließlich. „In Ordnung. Pass auf dich auf.“
Er konnte nicht anders, als sanft ihr kaltes Handgelenk zu umfassen. „Evelyn, was auch immer du durchmachst, vergiss nicht, wie brillant du einmal warst. Professor Hays bedauert es immer noch, dich verloren zu haben …“
„Was machst du da?!“
Die Tür zum Krankenzimmer wurde aufgestoßen.
Damian stand im Türrahmen, sein Gesicht finster, die Augen vor Wut glühend.
Ethan ließ ihre Hand los.
Evelyn sagte ruhig: „Ethan, bitte lass uns allein.“
Nur sie beide blieben im Zimmer zurück.
Damians Haltung war beängstigend kalt. „Willst du mir das erklären?“
Als sie diesen Mann ansah, den sie acht Jahre lang geliebt hatte, empfand Evelyn nichts als die Absurdität der Situation.
Er sorgte sich nicht um ihre Gesundheit, sondern nur um seine grundlose Eifersucht.
Müdigkeit überrollte sie wie eine Flutwelle. „Damian, lass uns uns scheiden lassen.“
Damian erstarrte, dann runzelte er irritiert die Stirn. „Was redest du da schon wieder? Du bist achtundzwanzig. Kannst du nicht etwas erwachsener sein?“
„Es ist mein Ernst.“ Evelyn blinzelte die Tränen weg. „Ich habe die Scheidungspapiere bereits unterschrieben.“
Die Luft schien zu gefrieren.
Nach einer langen Pause lachte Damian kalt auf. „Wegen diesem Ethan? Evelyn, wer gibt dir den Mut dazu?!“
Er packte sie grob am Kinn und küsste sie, offensichtlich in der Absicht, sie zu bestrafen. „Wir haben uns versprochen, für immer zusammenzubleiben! Wie kannst du es wagen, dich in einen anderen zu verlieben?“
„Und was ist mit dir, Damian? Hast du dich nicht in eine andere verliebt?“
Ein Anflug von Panik huschte über Damians Gesicht, wurde aber schnell wieder verborgen.
„Ich liebe nur dich, Evelyn.“
„Ich weiß, dass du dich über meine Sekretärin aufregst, aber die Firma steht kurz vor dem Börsengang. Wir können uns keine negativen Schlagzeilen leisten. Wenn du immer noch unzufrieden bist, lasse ich sie sofort versetzen.“
Er würde seinen vergoldeten Kanarienvogel also einfach nur komplett verstecken? Evelyn wurde übel.
Wie konnte er nur so heuchlerisch sein?
Sie wollte ihm am liebsten auf der Stelle die Maske vom Gesicht reißen.
In diesem Moment klingelte Damians Telefon.
Evelyn erhaschte einen Blick auf Siennas Namen auf dem Display.
Nachdem er den Anruf angenommen hatte, sah er entschuldigend aus. „Es gibt einen Notfall in der Firma. Ruh dich gut aus.“
Er wandte sich zum Gehen.
„Damian.“ Evelyn rief ihm nach, sagte dann aber nur: „Schon gut. Du kannst gehen.“
Damian zögerte, ein seltsam leeres Gefühl im Inneren, schritt dann aber doch davon und hinterließ nur eine letzte Bemerkung: „Wenn ich zurückkomme, feiern wir unseren Jahrestag gebührend nach.“
Evelyn schloss die Augen, erfüllt von bitterem Selbstspott.
Dieses Ende war das Beste so.
An jenem Nachmittag entließ sich Evelyn selbst aus dem Krankenhaus, tauschte Kontaktdaten mit Ethan aus und dankte ihm.
Sie kehrte dorthin zurück, was angeblich ihr Zuhause war, und blickte sich in der Wohnung um, die sie penibel nach Damians Vorlieben eingerichtet hatte. Jetzt wirkte das alles nur noch wie blanker Hohn.
Ruhig packte sie ihre Habseligkeiten in einen Koffer.
Dann holte sie tief Luft und wählte eine Nummer, die sie auswendig kannte.
Die Verbindung wurde hergestellt, und eine ernste, ältere Stimme meldete sich. „Wer ist da?“
„Professorin, es tut mir leid. Ich bin es, Evelyn.“ Sie umklammerte das Telefon fest.
Am anderen Ende war ihre Mentorin, die Titanin der Designwelt, Professor Victoria Hays.
„Evelyn?“ Der Tonfall der Professorin verdunkelte sich augenblicklich vor Zorn. „Du erinnerst dich also doch noch daran, dass du eine Lehrerin hast?“
Als sie die vertraute Stimme hörte, wurden Evelyns Augen feucht.
Sie biss sich fest auf die Lippe und sprach jedes Wort mit Bedacht: „Professorin, ich möchte wieder zum Stift greifen.“
Für einen Mann, der es nicht wert war, hatte sie vier Jahre verschwendet.
Nun war sie aufgewacht.
Am anderen Ende der Leitung blieb es lange still, so lange, dass Evelyn fast verzweifelte.
Schließlich sprach Professor Hays langsam: „Evelyn, Design ist kein Spiel. Eine Lücke von vier Jahren bedeutet, ganz von vorn anzufangen. Bist du sicher, dass du dein früheres Niveau wiedererlangen kannst?“
Die Frage der Professorin war wie eine Nadel, die präzise ihre letzte lächerliche Fantasie zum Platzen brachte.
In der Tat, was bildete sie sich eigentlich ein?
Eine Frau, die ihre Karriere für die Liebe aufgegeben hatte, die von ihrem Ehemann wie ein Kanarienvogel im Käfig gehalten wurde, jemand, der sich selbst kaum noch wiedererkannte – wertlos.
„Ich … ich weiß, dass ich zu viel Zeit vergeudet habe. Aber, Professorin, ich will wirklich …“
„Wirklich was?“
In der Stimme von Professor Hays lag keinerlei Wärme. „Du hast wirklich nirgendwo sonst, wo du hin kannst, also hast du dich an diese alte Frau erinnert?“
„Evelyn, ich habe dir beigebracht, dass das Rückgrat eines Designers wichtiger ist als sein Talent. Wo ist dein Rückgrat? Hat dieser Mann, Damian, es gebrochen?“
Jeder Satz war wie eine gnadenlose Ohrfeige in Evelyns Gesicht.
Das Brennen war schmerzhaft.
Doch dieser Schmerz klärte ihren vernebelten Verstand mit einer nie dagewesenen Schärfe.
Sie schloss die Augen, und als sie sie wieder öffnete, war jede Spur von Tränen vollständig unterdrückt.
„Es ist nicht gebrochen“, sagte sie leise, aber entschlossen, Wort für Wort. „Es war nur vier Jahre lang gebeugt. Jetzt will ich es wieder aufrichten.“
Das Telefon verfiel in langes Schweigen.
Evelyn hielt den Hörer, ihre Handfläche war schweißnass, und wartete still auf das endgültige Urteil.
Schließlich erklang Professor Hays’ Stimme erneut, immer noch streng, aber vielleicht mit einer kaum wahrnehmbaren Milderung.
„Eine Woche.“
„Wie bitte?“ Evelyn verstand nicht.
„Eine Woche. Ich will einen Entwurf sehen, der den Präsidenten der Nova Group für den asiatisch-pazifischen Raum beeindruckt. Thema und Format sind frei.“
„Ich will deine Seele sehen, will sehen, was diese vier Jahre in dir destilliert haben, nicht, was verrottet ist.“
„Nova Group?“ Evelyns Herz setzte einen Schlag aus.
Das war eines der führenden Modeimperien der Welt!
„Was, hast du Angst? Wenn das, was du produzierst, nicht einmal mich bewegen kann, dann träume nicht törichterweise davon, dass es ihnen ins Auge fällt.“
Die Professorin schnaubte kühl. „Wenn du versagst, Evelyn, dann ruf mich nicht wieder an und erzähl niemandem, dass du Victoria Hays’ Studentin warst.“
„Ich …“
Tuut … Tuut … Tuut …
Das Gespräch war beendet.
Evelyn stand lange Zeit regungslos da und hielt das kalte Telefon in der Hand.
