Kapitel 4
Benjamins Blick blieb starr auf das Fotostudio gerichtet.
Es war dieses Auto. Er konnte sich unmöglich täuschen.
In den vergangenen fünf Jahren war er oft mitten in der Nacht hochgeschreckt, aufgewühlt von Sophies Gesicht in seinen Träumen – manchmal blickte sie ihn voller Liebe an, manchmal sah er ihre entschlossene Silhouette vor lodernden Flammen.
Am häufigsten jedoch sah er sie in einer Blutlache liegen; sie streckte die Hand nach ihm aus, bevor ihre Hand leblos herabfiel.
Diese Leere in seiner Brust, dieser unerträgliche Schmerz – es drohte ihn jedes Mal zu ersticken.
Er hatte geglaubt, es sei ein von Trauer ausgelöster Wahn, sein Verstand spiele ihm grausame Streiche.
Doch jetzt belehrte ihn die Logik eines Besseren. Das war keine Einbildung.
Sophie … sie war nicht tot?
Diese Erkenntnis traf ihn wie ein Blitzschlag und ließ all seine Gedanken zersplittern.
Was darauf folgte, war nicht die wilde Freude darüber, eine totgeglaubte Person wiederzufinden, sondern eine unbändige Wut darüber, getäuscht worden zu sein.
Sophie war nicht tot? Wer war dann die Frau, die vor fünf Jahren im Gefängnis gestorben war?
Wo war sie in all dieser Zeit gewesen?
Warum hatte sie ihren Tod vorgetäuscht? Nur um ihm endgültig zu entkommen?
Jede dieser Fragen bohrte sich wie ein Dorn in Benjamins Herz und stürzte seinen ohnehin schon aufgewühlten Geist ins völlige Chaos.
„Mr. Brown, sollen wir …?“ Der Fahrer blickte nervös auf Benjamins sich verfinsternde Miene.
„Nachforschen.“ Benjamins Stimme war eisig. „Besorgen Sie mir alles über das Studio nebenan und über diesen Wagen. Ich will wissen, wem er gehört. Jetzt, sofort!“
„Ja, Mr. Brown.“ Sein Assistent wagte nicht zu zögern und zückte sofort sein Handy, um die entsprechenden Anweisungen zu geben.
‚Gut. Sehr gut. Sophie Scott, du solltest besser beten, dass ich dich nicht in die Finger kriege. Wenn du wirklich am Leben bist, wofür waren dann all der Schmerz und die Qualen, die ich in diesen fünf Jahren deinetwegen durchlitten habe?‘, kochte Benjamin innerlich.
Währenddessen herrschte drinnen im Studio eine warme und fröhliche Atmosphäre.
„Wow! Mami, hier ist es wunderschön!“ Thomas rannte durch den geräumigen, sonnendurchfluteten Raum.
Timothy folgte Sophie still, während seine großen Augen neugierig die Umgebung musterten.
„Gefällt es euch hier?“ Sophie hockte sich hin und wuschelte beiden Jungen durchs Haar.
„Ich finde es toll!“ Thomas nickte enthusiastisch. „Jetzt können wir hier auf dich warten, wenn du mit der Arbeit fertig bist!“
Sophie lächelte, ihr Herz schmolz vor Zärtlichkeit.
Diese fünf Jahre waren unglaublich schwer gewesen, doch wenn sie ihre gesunden, lebhaften Kinder sah, wusste sie, dass es all die Mühe wert gewesen war.
Sie stand auf und wollte den Jungen gerade ihr privates Büro zeigen, als ihr Handy klingelte.
Es war ihre Agentin Laura Wilson.
„Sophie! Wo steckst du? Bist du zurück in Luminous City, ohne mir Bescheid zu sagen?“ Lauras energische Stimme drang durch die Leitung.
„Bin gerade erst gelandet. Ich zeige den Kindern das neue Studio“, antwortete Sophie lächelnd. „Ich wollte dich überraschen.“
„Überraschung? Wohl eher ein Schock!“ Laura schnaubte, doch ihr Tonfall klang schnell wieder aufgeregt. „Aber dein Timing ist perfekt! Ich habe gerade einen Auftrag reinbekommen – der Kunde hat ausdrücklich nach dir verlangt!“
Sophie war überrascht. „Nach mir verlangt? Ich dürfte hier doch gar keinen großen Namen haben.“
Jahrelang hatte sie im Ausland unter dem Pseudonym „Stella“ gearbeitet, und obwohl sie sich international einen Namen gemacht hatte, kannte in Luminous City kaum jemand ihre Arbeit.
Lauras Stimme schwoll vor Stolz an. „Da irrst du dich! Dieser Kunde gehört zur Elite von Luminous City – die haben überall ihre Kontakte!“
„Sie brauchen PR-Fotos für ihren frisch ernannten CEO. Ihre Ansprüche sind unglaublich hoch – sie haben bereits mehrere Fotografen abgelehnt.“
„Dann haben sie irgendwie dein bekanntestes Werk gesehen und waren absolut hin und weg. Sie haben ausdrücklich nach dir verlangt!“
„Das ist eine einmalige Chance!“
„Zieh diesen Job an Land, und dir gelingt ein spektakulärer Einstieg in den hiesigen Markt!“
Sophie spürte, wie Vorfreude in ihr aufstieg.
Ihre Rückkehr diente zwei Zielen: Sie wollte die Wahrheit über die Vergangenheit aufdecken und ihre Familie rächen, gleichzeitig aber auch ein stabiles Umfeld für ihre Kinder schaffen, indem sie ihren beruflichen Schwerpunkt zurück in die Heimat verlegte.
Diese Chance hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können.
„In Ordnung, Laura. Schick mir Zeit und Ort, und ich mache mich auf den Weg.“
„Großartig! Sie wollen dich unbedingt kennenlernen – der Termin ist heute Nachmittag im Cornerstone Café.“ Laura hielt inne und fragte dann: „Kommen die Kinder allein klar? Ich könnte vorbeikommen und auf sie aufpassen, wenn du möchtest.“
„Schon gut. Ich nehme sie einfach mit, und du kannst ein Auge auf sie haben, wenn wir dort sind.“ Sophie wollte die Jungs nicht allein lassen.
„Umso besser! Ich habe die beiden kleinen Schätze schon ewig nicht mehr gesehen!“
Als Sophie ankam, wartete Laura bereits draußen.
„Meine zwei kleinen Lieblinge! Kommt her!“ Laura strahlte und breitete die Arme weit aus, als sie die Zwillinge entdeckte.
„Laura!“ Thomas rannte begeistert auf sie zu.
Timothy begrüßte sie höflich: „Hallo, Laura.“
„So brave Jungs.“ Laura schloss beide in die Arme, sichtlich erfreut. „Sophie, geh schon mal rein. Ich beschäftige sie hier draußen – wir stellen auch keinen Unsinn an.“
„Vielen Dank, Laura.“ Sophie lächelte dankbar, bevor sie das Café betrat.
Sie setzte sich an den vorgesehenen Tisch und wartete geduldig.
Währenddessen fuhr draußen vor dem Café ein auffälliger roter Ferrari vor.
Die Tür öffnete sich, und ein stilvoll gekleideter, gutaussehender Mann stieg aus.
Es war Nathan Reynolds, Benjamins engster Freund.
Nathan war heute in bester Stimmung. Sein Vater hatte endlich nachgegeben und ihm erlaubt, die neuen Werbekampagnen des Familienkonzerns zu leiten.
Sein erster Gedanke war gewesen, die mysteriöse Fotografin „Stella“ zu engagieren, die die Welt der Fotografie im Sturm erobert hatte.
Vor sich hin summend wollte er gerade eintreten, als er beiläufig den Blick schweifen ließ und plötzlich erstarrte.
An einem nahegelegenen Tisch im Freien spielte eine Frau, die wie eine Agentin aussah, mit zwei kleinen Jungen.
Diese beiden Jungs …
Nathan stand wie angewurzelt da.
Er blinzelte heftig und fragte sich, ob seine Augen ihm einen Streich spielten.
Die Kinder – das eine energiegeladen und aufgeschlossen, das andere ruhig und nachdenklich – trotz ihrer unterschiedlichen Temperamente, ihre Gesichter …
Sie waren perfekte Miniaturversionen von Benjamin!
Die Augenbrauen, die Nase und der Mund – jeder Gesichtszug war identisch!
Wann hatte Benjamin heimlich zwei Kinder in diesem Alter gezeugt? Wie konnte er, Benjamins bester Freund, nichts davon wissen?
Nathans Gedanken überschlugen sich vor Schock. Sein erster Impuls war, hinüberzustürmen und Antworten zu verlangen.
Genau in diesem Moment wurde einer der Jungen offensichtlich müde und rief in Richtung des Cafés: „Mami, ich habe Durst!“
Auf diesen Ruf hin trat eine Gestalt aus dem Café.
Als Sophie sich umdrehte und ihr makelloses Gesicht im Sonnenlicht voll zur Geltung kam, fühlte Nathan sich wie vom Blitz getroffen. Sein Kopf war plötzlich völlig leer.
War sie nicht vor fünf Jahren im Gefängnis gestorben? Ihre Leiche war doch sogar eingeäschert worden!
Benjamin war danach monatelang am Boden zerstört gewesen.
Wer war diese Frau, die lebendig und atmend vor ihm stand? Ein Geist?
Nathan sackten beinahe die Knie weg.
‚Mein Gott! Sie ist von den Toten auferstanden!‘, dachte Nathan.
Alle Gedanken an Geschäfte waren vergessen, als er hektisch sein Handy zückte.
Die Verbindung wurde aufgebaut.
„Was gibt es?“, ertönte Benjamins kalte Stimme.
„Benjamin!“ Nathans Stimme zitterte, seine Worte überschlugen sich unzusammenhängend. „I-i-ich … ich habe einen Geist gesehen! Nein! Keinen Geist! Sie ist echt! Du musst sofort ins Cornerstone Café kommen! Beeil dich!“
Benjamin runzelte die Stirn. „Nathan, hast du den Verstand verloren?“
„Ich habe gar nichts verloren!“ Nathan sprang beinahe auf und ab vor Aufregung. „Es ist Sophie! Ich habe sie gesehen! Sie ist nicht tot! Und sie hat zwei Kinder bei sich! Sie sehen haargenau so aus wie du!“
Am anderen Ende herrschte Totenstille.
Sekunden später erklang Benjamins Stimme wieder. Sie klang, als käme sie direkt aus den Tiefen der Hölle, erfüllt von apokalyptischer Wut und eisiger Kälte.
„Adresse.“
Nachdem Nathan den Standort durchgegeben hatte, wurde das Gespräch abrupt beendet.
Keine zehn Minuten später zerriss das Quietschen von Bremsen die friedliche Ruhe des Cafés.
Ein schwarzer Rolls-Royce Phantom kam aggressiv vor dem Eingang zum Stehen, und die Tür wurde gewaltsam aufgestoßen.
Benjamin stieg aus und strahlte eine furchteinflößende Feindseligkeit aus, sein gutaussehendes Gesicht war erschreckend finster.
Sein Blick bohrte sich wie ein Pfeil sofort in die Frau, die ganz in der Nähe mit ihren Kindern lachte.
Eine Flutwelle der Wut überrollte ihn augenblicklich.
