Kapitel 4 4
Hope lässt sich an einem schmiedeeisernen Tisch nieder, der geschützt unter einem riesigen Sonnenschirm steht, und legt die Füße hoch. Ich stehe nervös etwas abseits. „Sollten wir es uns wirklich bequem machen? Unsere Anweisungen waren, Rufus zu füttern, ihn im Garten spielen zu lassen und dann zu gehen.“
„Richtig. Und was sollen wir tun, während er durch den Garten streift? Strammstehen?“ Sie deutet ungeduldig auf den leeren Stuhl neben sich. „Los. Officer Daddy wird dich schon nicht verhaften, nur weil du dich mal hinsetzt.“
Dass meine penible Regeltreue genau auf diesen „Officer Daddy“ zurückgeht, weckt in mir erst recht das Bedürfnis, mich hinzusetzen. „Dieser Kunde scheint einfach furchtbar pingelig zu sein.“
Rufus ist in der hintersten Ecke des Gartens ausgiebig damit beschäftigt, an Rosenbüschen zu schnüffeln.
Hope schnaubt. „Ich hab da Neuigkeiten für dich, Süße. Bei Hope’s Helpers geht es ausschließlich darum, Leuten mit mehr Geld als Manieren persönliche Assistenz zu bieten. Die sind alle pingelig.“
Ich setze mich widerwillig. „Erinnere mich noch mal daran, warum du willst, dass ich mit jemandem ausgehe, der mehr Geld als Manieren hat?“
„Wer hat denn etwas von Daten gesagt?“ Hopes Augen blitzen gefährlich auf. „Ich schlage vor, dass du mal ein bisschen lebst. Spaß hast. Du kannst doch nicht Rufus die ganzen Abenteuer überlassen.“
„Ich gebe zu, der Gedanke ist nicht ganz ohne Reiz.“
„Ach, ist er das?“ Hope setzt sich aufrechter hin; sie wittert Blut im Wasser.
„Er ist heiß. Du weißt es, ich weiß es. Mach jetzt keine große Sache draus.“
„Aber es ist eine große Sache!“, hält sie dagegen. „Das ist der erste Mann, an dem du echtes Interesse zeigst. Und du hast eine ganz schöne Durststrecke hinter dir.“
„So schlimm war es nun auch wieder nicht …“
„Süße, als du das letzte Mal ein Date hattest, lag Schnee. Der Schnee vom letzten Winter.“
„Gott.“ Ich vergrabe das Gesicht in den Händen. „Du hast ja recht.“
„Ich habe immer recht.“
Ich rutsche tiefer in den unbequemen Stuhl. „Ganz ehrlich, die Sache mit dem Nicht-Daten war eigentlich ganz nett, aber … mir fehlt der Sex.“
„Natürlich tut er das. Welcher normalen Sechsundzwanzigjährigen geht das nicht so?“ Ihr Lächeln wird verrucht. „Und wenn du schon nicht von der Karte Gebrauch machst, die Samuil dir gegeben hat, kannst du ihn wenigstens auf andere Weise nutzen.“
„Wie meinst du das?“
„Ich meine –“ Sie macht eine Reihe obszöner Handgesten, die ich nicht ganz verstehe. „– benutz den Mann. Wenn schon nicht im echten Leben, dann wenigstens in deiner Fantasie. Du hast doch einen Vibrator, oder?“
„Igitt! Hope!“
Hope winkt ab. „Deine Fantasie ist die reinste Verschwendung, wenn du sie nur für so vernünftiges Zeug wie Businesspläne und Karriereziele einsetzt. Du musst damit mal ein bisschen versauter werden.“
„Das ist wohl eher dein Spezialgebiet als meins.“
„Tja, dann wird es Zeit, mal was Neues auszuprobieren.“ Sie faltet die Hände im Schoß und sieht mich mit gespieltem Ernst an. „Betrachte mich als deinen Sensei. Als deinen persönlichen Fantasie-Guide für heute Abend.“
„Ich hasse absolut alles daran.“
„Es ist ein kühler Sommerabend.“ Ihre Stimme wird tiefer, sinnlich und weich. „Du bist in einem traumhaften Penthouse – elegant und weitläufig, so wie das hier –“ Sie blickt sich mit einer Grimasse in dem protzigen Garten mit all seinen fetten Engelsstatuen um. „– nur eben mit echtem Geschmack.“
Ich schnaube, doch Hope macht unbeirrt weiter. „Du bist allein. Oder etwa doch nicht? Nein! Du drehst dich um und stehst niemand Geringerem gegenüber als Samuil Litvinov.“
„Wie fesselnd.“
„Mach die Augen zu“, blafft Hope. „Ich übernehme hier nicht die ganze Schwerstarbeit.“
Ich schließe die Augen, und sei es nur, damit das hier schneller vorbei ist. Doch als mir die Brise einen Kuss aufs Gesicht haucht, ertappe ich mich tatsächlich dabei, wie ich mich ihr entgegenlehne. Und mir vorstelle, es wäre die Berührung eines anderen.
„Es sind nur du und Samuil. Seine vollen einsdreiundneunzig. Die reinste Sünde. Diese breiten Schultern und seine Augen, die sich in dich bohren, als wärst du seine nächste Mahlzeit. Es liegt jetzt an dir, Nova. Was willst du tun?“
Mein Puls wummert wie eine Kriegstrommel zwischen meinen Oberschenkeln. „Ich stürze mich von diesem Dach.“
„Lügnerin!“ Hope haut mir auf den Arm. „Du hast uns fast eine Klage eingehandelt und nicht mal daran gedacht, einem von Chicagos reichsten Männern unsere Karte zuzustecken. Das Mindeste, was du tun kannst, ist mitzuspielen.“
„Na gut! Na gut. Was mache ich? Ich verpasse ihm die Rufus-Behandlung und rammle ihm die Seele aus dem Leib.“
Hope kichert. „Okay, schon besser, aber du überspringst den guten Teil. Spulen wir ein bisschen zurück.“
Die Fantasie nimmt leichter Gestalt an, als ich zugeben möchte. Ich sehe seine Silhouette förmlich vor mir, wie sie den Türrahmen ausfüllt und jeden Zentimeter des Raumes für sich beansprucht.
Selbst in meinen Träumen fällt es mir schwer, ihm in die Augen zu sehen.
„Ich bin diejenige, die die Kontrolle hat“, flüstere ich. „Er macht, was ich sage.“
Ich würde ihn anfassen wollen. Genau wie ich im Park seinen Arm packen wollte, nur um zu spüren, wie massiv er war.
Aber noch nicht …
„Und dann?“ hakt Hope nach.
„Und dann …“ Ich kaue auf meiner Unterlippe. „Wenn er direkt vor mir steht, ziehe ich mich aus. Ich bleibe außer Reichweite und streife meine Kleidung langsam ab, damit er meinen Körper bewundern kann. Er versucht, nach mir zu greifen, aber ich lasse ihn nicht. Stattdessen befehle ich ihm, sich auszuziehen. Erst wenn sein Anzug, sein Hemd und seine Boxershorts auf dem Boden liegen … Erst dann darf er mich berühren. Sobald er nackt ist, lege ich eine Hand auf seine Brust und dränge ihn rückwärts zum Sofa.“
Er würde die kleine Couch in meinem Wohnzimmer winzig erscheinen lassen. Meine ganze Wohnung würde wie ein Puppenhaus wirken, wenn er darin stünde. In seinen Händen käme ich mir so zerbrechlich vor.
„Ich drücke ihn aufs Sofa, klettere auf ihn und setze mich rittlings über ihn. Meine Hände gleiten an seinem Körper auf und ab. Er könnte glatt aus Marmor gemeißelt sein.“
„Ich wette, er ist total durchtrainiert“, wirft Hope ein.
„Oh, das glaubst du gar nicht“, bestätige ich, ohne die Augen zu öffnen. „Der Mann hat Muskeln, die Herkules vor Neid erblassen lassen würden. Wenn ich mit dem Erkunden fertig bin, wandert meine Hand tiefer und umschließt seinen Schwanz.“
„Ist er groß?“
„Riesig. Ich habe Angst, dass er zu groß für mich ist, aber er packt mich an den Hüften und zieht mich auf sich herab. Ich nehme ihn komplett in mich auf.“
Mir ist heiß und mein Atem geht schwer. Ich sollte aufhören, aber wir stehen so kurz vor dem Finale.
„Ich reite ihn hart, und er stachelt mich an, flüstert mir ins Ohr, was wir alles noch ausprobieren werden.“
„Und kommst du über die Ziellinie?“ drängt Hope.
„Zweimal. Nein, dreimal, bevor er in mir explodiert. Wir fangen aber gerade erst an“, entscheide ich und schlage blinzelnd die Augen auf. „Ich bin noch lange nicht fertig mit ihm.“
Hope lächelt auf ihr Handy hinab und tippt wie wild. „Das glaube ich gern.“
In meinem Kopf macht es Klick. Die vage Erkenntnis, dass irgendetwas nicht stimmt. „Was machst du da?“
„Ich verschicke nur eine kleine Nachricht“, sagt sie, völlig unbeschwert und beiläufig.
In diesem Moment fällt mein Blick auf Samuils Visitenkarte, die auf ihrem rechten Oberschenkel liegt.
Oh.
Mein.
Gott.
„Hope …“ Meine Stimme klingt erstickt. „Was hast du da gerade gemacht?“
Es ertönt ein vertrautes kleines Wusch, das verräterische Geräusch einer gesendeten Nachricht, und dann dreht Hope ihr Handy um, damit ich das Display sehen kann …
Einschließlich der Audiodatei, die sie gerade verschickt hat.
Sie zuckt völlig schuldbewusstlos mit den Schultern. „Wenn Samuil deine Fantasie wahr macht, kannst du mir später danken. Ich nehme Bargeld oder Schecks.“
