Kapitel 3 3
Perspektive von Nova
„Du hättest dein Gesicht sehen sollen!“ Hope hält sich lachend den Bauch, während ihr Tränen über die Wangen laufen. „Als hätte dein Gehirn einen Kurzschluss gehabt, in dem Moment, als sein Schritt in deinen persönlichen Bereich eingedrungen ist.“
„Wenn es auch nur annähernd so aussah wie dein Gesicht, als du ihn gesehen hast, war es bestimmt zum Totlachen.“ Ich schnappe mir die Leinen aus ihrer Hand und marschiere die Michigan Avenue hinunter, als würde ich von meinen eigenen schlechten Entscheidungen gejagt werden. „Der Unterschied ist, dass du dich nicht vor ihm blamiert hast. Wo bist du überhaupt hin? Du hast mich im Stich gelassen.“
Sie holt mich ein und wischt sich die Tränen aus den Augen. „Ich wollte dieses bezaubernde Kennenlernen nicht stören.“
„Das war kein bezauberndes Kennenlernen. Das war eine Szene aus einem HR-Schulungsvideo über sexuelle Belästigung.“ Ich funkle Rufus böse an, der trübselig neben mir hertrottet und seinen neuen Freund immer noch vermisst.
Samuel Litvinov. Ich spüre, wie seine Visitenkarte in meiner Gesäßtasche brennt.
„Du hast ihm gefallen.“
Obwohl mein Herz bei dem Gedanken einen erbärmlichen kleinen Sprung macht, stoße ich ein Lachen aus. „Er war höflich, was an und für sich schon ein Wunder ist. Er hätte die Polizei rufen sollen.“
„Ganz genau! Eine Deutsche Dogge hat sein Bein gerammelt, Nova! Und er war nicht nur ein absoluter Gentleman, sondern hat dir auch seine Karte gegeben, weil …“ Sie wartet darauf, dass ich den Gedanken zu Ende führe, tut es dann aber selbst, als ich sie nur verständnislos anstarre. „Weil du ihm gefallen hast, du absolute Kartoffel!“
Ich beiße mir auf die Unterlippe. „Da bin ich mir nicht so sicher.“
„Gib mir seine Karte.“
Ich umklammere die Leinen, bis meine Knöchel weiß hervortreten, und fische die Karte aus meiner Tasche. In dem Moment, in dem sie meine Finger verlässt, möchte ich sie mir sofort wieder zurückschnappen.
Hopes perfekt gezupfte Augenbrauen schießen beim Anblick des dicken Kartons und der Goldprägung in die Höhe. „Ooh, schick.“ Dann liest sie die Karte und ihre Augen treten fast aus den Höhlen. „Oh mein Gott!“
„Was? Was ist los?“
Sogar die Hunde drehen sich zu uns um, plötzlich in höchster Alarmbereitschaft.
„Samuil Litvinov! Etwa der Samuil Litvinov?!“
„Ähm … sollte mir der Name etwas sagen? Ist er ein Schauspieler oder so? Sollte ich ihn googeln?“
„Da würdest du auf jeden Fall eine ganze Menge Treffer bekommen.“ Hope schnappt sich die Karte wieder und dreht sie um, als würde sie nach Hinweisen auf einer Schatzkarte suchen. „Drei Jahre in Folge zu Chicagos heißestem Jungunternehmer gekürt. Selfmade-Millionär mit siebenundzwanzig. Ihm gehören gefühlt eine Fantastilliarde Unternehmen auf der ganzen Welt. Und Gerüchten zufolge hat er Verbindungen zur russischen Mafia, was das Gesamtpaket ehrlich gesagt nur noch attraktiver macht.“
Ich stöhne auf und verdrehe die Augen. „Er ist also nicht wirklich berühmt. Du willst ihn nur als Hauptdarsteller für deine feuchten Mafia-Romance-Träume besetzen.“
„Jeder steht auf Bad Boys.“ Sie streitet es nicht ab.
Meine Haut kribbelt, als ich an Samuils Abschiedsworte erinnert werde. Streng genommen hatte er mit Rufus gesprochen, aber diese sturmgrauen Augen hatten sich in meine gebohrt.
Böse Hunde haben den meisten Spaß.
„Datest du deshalb nur Vertriebler und Pharmareferenten?“
„Die date ich wegen der Rabatte und der kostenlosen Medikamente“, witzelt Hope. „Aber ich schätze, Mr. Big Bad Litvinov wird sehr viel mehr zu bieten haben als billigen rezeptfreien Hustensaft, wenn du ihn anrufst.“
„Ich werde ihn nicht anrufen, Hope!“
Sie schlägt mir so fest auf den Arm, dass es einen Abdruck hinterlassen wird. „Warum zur Hölle nicht? Er hat dir seine Karte nicht ohne Grund gegeben.“
„Wahrscheinlich hat er einen Hund, mit dem ich Gassi gehen soll.“ Aber selbst ich höre, wie schwach das klingt. „Es war rein geschäftlich.“
„Sicher. Weil all meine Geschäftstermine mit Diskussionen über das Ausziehen von Hosen enden.“
Ich möchte in den nächsten Gully kriechen und sterben. „Du hast das gehört?“
„Ich habe alles gehört, Mädel, und nichts daran war auch nur im Entferntesten professionell. Du hast geflirtet. Mit großem F.“
„Ich wollte nicht, dass wir gleich am ersten Tag unserer gemeinsamen Selbstständigkeit eine Klage an den Hals kriegen!“ Die Worte klingen schriller als beabsichtigt. „Ich war nur nett und habe angeboten, die Rechnung für die Reinigung zu übernehmen, das ist alles.“
„Wenn das geschäftlich war, warum hast du ihm dann nicht unsere Visitenkarte gegeben?“ Ein listiges Lächeln umspielt ihre Lippen. „Er ist eindeutig die Art von Mann, der seine Hausarbeiten auslagert. Er hat reiche und wichtige Freunde, denen er uns hätte vorstellen können.“
Ist es zu spät, auf Rufus’ Rücken zu springen und nach Hause zu reiten? „Ich … habe nicht so weit gedacht.“
„Du hast überhaupt nicht nachgedacht, was?“ Hope zwinkert mir zu.
„Was willst du von mir hören?“
„Die Wahrheit wäre ganz nett.“
Ich werfe die Arme in die Luft. „Oh, also gut, meinetwegen. Ich habe überhaupt nicht ans Geschäftliche gedacht. Ich habe nur gedacht, dass ich gerne eine Ausrede hätte, um jedes Körperteil von ihm zu bespringen, das ich in die Finger kriege.“
Hope wirft den Kopf in den Nacken und stößt ein gackerndes Lachen aus, das die Blicke sämtlicher Hunde und ein paar unschuldiger Jogger auf sich zieht. Ich kann nicht anders, als miteinzustimmen. Besonders, als Rufus ein weiteres klägliches Winseln ausstößt, das verdächtig nach Zustimmung klingt.
Nachdem wir das hysterische Schulmädchengehabe hinter uns gebracht haben, tätschle ich Rufus den Kopf. „Okay, das waren die unprofessionellsten fünfzehn Minuten meines Lebens. Also, konzentrieren wir uns wieder auf unseren Job und bringen diese Hündchen zu ihren Besitzern zurück, bevor es zu noch mehr unfreiwilligem Bespringen kommt. Ich habe fürs Erste genug Straftaten auf dem Kerbholz.“
Wir schaffen es, Patsy, Snide und Blue abzuliefern, ohne Samuil Litvinov oder die Karte zu erwähnen, die Hope mir praktischerweise nicht zurückgegeben hat. Wahrscheinlich plant sie, ihn selbst anzurufen – und ehrlich gesagt, gönne ich es ihr. Gott weiß, dass mir nach dem, was gerade passiert ist, der Mut dazu fehlt.
Erst als wir uns der messingfarbenen Doppeltür der Greystone-Villa unseres neuesten Kunden nähern – der Art von Anwesen, die meine Wohnung wie einen Pappkarton hinter einem Wendy’s aussehen lässt –, bringt Hope ihn wieder zur Sprache.
„Du wirst ihn wirklich nicht anrufen?“
Ich fische den Ersatzschlüssel aus meinem Sport-BH und schließe die Haustür auf. Rufus stürmt hinein und reißt mich dabei fast von den Beinen.
„Was soll das bringen, Hope? Da kann nichts draus werden.“
„Woher willst du das wissen?“
„Woher willst du das wissen, wenn du es nicht versuchst?“
„Ich weiß es einfach, okay?“ Ich folge Rufus in eine Küche, die in die Architectural Digest gehört. „Samuil und ich existieren in verschiedenen Universen. Wir gehören kaum zur selben Spezies.“
„Das ist nicht dein Ernst.“ Hope umrundet die zwei Hektar große Marmorinsel, während ich Rufus’ Porzellan-Wassernapf fülle. „Du wirst doch nicht wirklich deinen wahnhaften Mangel an Selbstwertgefühl darüber entscheiden lassen, ob du ihn anrufst oder nicht, oder?“
Ich tue für einen Moment so, als würde ich darüber nachdenken. „Ich glaube schon, ja.“
Ich stelle den Napf ab und sehe zu, wie Rufus sich darauf stürzt, als würde er verdursten. Wasser spritzt auf meine Füße, während ich über seinen warmen Rücken streichle. „Heiße Fremde zu bespringen macht durstig, was, Junge?“
„Ruf Samuil an, dann könntest du es selbst herausfinden.“
Ich verdrehe die Augen. „Noch einmal für die auf den billigen Plätzen: Er spielt absolut nicht in meiner Liga. Ich werde es nicht darauf anlegen, mir das Herz brechen zu lassen.“
„Vergiss dein Herz. Lass den Mann andere Teile von dir brechen.“ Hopes Blick richtet sich auf meinen Schritt, denn Subtilität war noch nie Hopes Markenzeichen. Ich verspüre das Bedürfnis, mich zu bedecken.
Nachdem er seinen Wassernapf geleert hat, kratzt Rufus mit der Pfote an der Flügeltür, die zum Dachgarten führt. Ich entriegele das Schloss, um ihn hinauszulassen, und bin dankbar für die Ablenkung. „Ich stehe nicht auf Gelegenheitssex.“
Das ist die Wahrheit, trotz dem, was ich ihm vorhin im Park gesagt habe. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, war der Kommentar über Sex in der Öffentlichkeit wahrscheinlich der Grund, warum er mir seine Karte gegeben hat. Ich hatte im Grunde ein blinkendes Neonschild über dem Kopf, auf dem stand: Bitte besteig mich und nimm mich auf seltsame und exotische Weise.
Hope und ich folgen Rufus auf die Dachterrasse, eine private Oase, die sich über die halbe Etage erstreckt, vor Blumen überquillt und einen Blick auf Chicago bietet, der mir einen Stich in der Brust versetzt.
Denn das hier? Das ist Samuils Welt. Glas und Stahl und Skyline.
