Kapitel 4 Die Dunkelheit vor Sonnenaufgang
In jener Nacht wälzte sich Keira ruhelos hin und her.
Ihr linkes Auge schmerzte, als würde ein heißes Eisen darin wühlen, und jedes Pochen ihrer Blutgefäße brachte eine Welle stechenden Schmerzes mit sich. Doch noch schmerzhafter als das waren die Erinnerungen.
Sie dachte an ihre Hochzeitsnacht vor drei Jahren zurück. Sie hatte ihm ihre Unschuld mit solcher Freude geschenkt, doch als Aiden in ihrer ersten gemeinsamen Nacht entdeckte, dass sie nicht blutete.
Sein Blick wurde kalt und angewidert, als betrachte er etwas Schmutziges.
Er sagte, er hasse Verrat mehr als alles andere, sagte, sie sei genau wie ihr untreuer Vater, dass sie ihn anwidere.
Dieser winzige Verdacht auf eine mögliche Untreue verstärkte den Hass, der schon die ganze Zeit in seinem Herzen gelauert hatte.
Sie hatte versucht, es zu erklären, aber er wollte ihr nicht glauben, machte sich nicht einmal die Mühe, die Wahrheit zu überprüfen, bevor er sie verstieß.
Es war nur eine Ausrede.
Er verachtete sie, also quälte er sie auf die denkbar demütigendste Weise.
Am nächsten Morgen bohrte sich das schrille Klingeln ihres Handys wie eine Bohrmaschine in ihr Gehirn.
Keira tastete fahrig danach, um den Anruf anzunehmen. Ihr linkes Auge konnte jetzt nur noch schwaches Licht wahrnehmen – es war fast vollständig erblindet.
„Keira, zwing mich nicht, dich holen zu kommen.“ Aidens Stimme war eiskalt. „Heute Morgen um neun Uhr, Gerichtsgebäude. Wenn du auch nur eine Minute zu spät kommst, werde ich dafür sorgen, dass die Familie Lynn komplett verschwindet.“
Sie blickte zu Elodie, die sie mit tieftraurigen Augen ansah.
„Keine Sorge, Elodie.“ Keira zwang sich auf die Beine, ihr Gesicht war blass wie Papier. „Ich bin gleich wieder da.“
Sie wagte nicht zu sagen, dass sie sich scheiden lassen würde. Sie hatte Angst, dass Elodie weinen würde, und im Moment hatte sie nicht einmal die Kraft, die Tränen eines anderen abzuwischen.
Um 9:20 Uhr kam Keira am Gerichtsgebäude an.
Aiden stand im kalten Wind; sein maßgeschneiderter schwarzer Anzug ließ ihn wie einen edlen Herrscher wirken, während sie in ihrem alten, für die Jahreszeit viel zu dünnen Mantel wie eine Bettlerin aussah.
„Hast du dich endlich bequemt aufzutauchen?“, spottete Aiden, wobei sein Blick einen Moment auf ihrem Gesicht verweilte, dort, wo sie sich geschnitten hatte, was nun mit Mull bedeckt war. „Was soll dieses Theater jetzt? Willst du Mitleid erregen? Du gehst ganz schön rücksichtslos mit dir selbst um, nur um der Scheidung zu entgehen.“
Keira senkte den Kopf; ihr langes Haar verbarg ihre blutende Wunde und das blinde linke Auge.
„Tut mir leid, es gab Stau“, sagte sie leise.
Keine Erklärung. Keine Gegenwehr. Welchen Sinn hatte es schon, sich zu erklären? In seinen Augen war selbst ihr Atmen falsch.
Der Papierkram war ungewöhnlich schnell erledigt.
In dem Moment, als das Urteil zur „Auflösung der Ehe“ verkündet wurde, spürte Keira, wie ein Teil ihres Herzens endgültig in sich zusammenbrach.
Aiden nahm die Dokumente an sich, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, und wandte sich zum Gehen.
„Aiden“, rief sie instinktiv.
Er blieb stehen, mit dem Rücken zu ihr, sein Tonfall voller Abscheu. „Zwing mich nicht, es zu bereuen, dass ich dir nicht dein gesamtes Vermögen abgenommen habe. Nimm deine Freiheit und verschwinde.“
Er stieg in diesen schwarzen Wagen, der Macht und Status verkörperte, und fuhr davon.
Keira stand am Straßenrand, während ihr der kalte Wind in den Kragen fuhr. Genau in diesem Moment erreichte sie Marthas wütender Anruf.
„Keira! Wo zur Hölle steckst du?“ Marthas schrille Stimme drang zu ihr durch. „Komm sofort zurück und schaff deinen Müll hier weg!“
Keira schleppte sich mit schweren Schritten zurück zum Anwesen der Lynns.
Einst war es ihr Zuhause gewesen, doch nun fühlte es sich an wie die Hölle.
Martha stand mit verschränkten Armen in der Tür und bedachte sie mit einem verächtlichen Blick. „Was ist denn mit dir passiert? Wer es nicht besser weiß, könnte meinen, wir hätten dich misshandelt.“
„Dein Zeug ist im Abstellraum. Nimm es und verschwinde.“ Martha musterte sie von oben bis unten. „Geschieden?“
Keira nickte.
„Nicht mal eine Abfindung rausgeschlagen? Nutzlos!“, höhnte Martha.
Ihr Blick war voller Verachtung, doch Keira verstand den Grund dafür.
Sie war das Produkt der Affäre ihres Vaters, eine lebendige Erinnerung an Marthas gescheiterte Ehe.
So sehr Martha sich einst nach der Ehe gesehnt hatte, umso mehr hasste sie Keira nun.
Doch da sie Kevin Lynns Tochter war, konnte Martha, abgesehen von verbalen Erniedrigungen, keine grausameren Methoden anwenden, um Keira zu bestrafen.
Keira hielt den Kopf gesenkt, kämpfte gegen den Schwindel an und ging auf den feuchten Abstellraum zu.
Sie besaß nur zwei Koffer. Das war alles, was sie aus ihren gut zwanzig Lebensjahren vorzuweisen hatte.
Als sie ihren Koffer zur Türschwelle zerrte, wurde der stechende Schmerz in ihrem linken Auge plötzlich unerträglich, und ihr wurde komplett schwarz vor Augen.
Sie trat ins Leere.
Sie schlug hart auf dem rauen Betonboden auf, schürfte sich das Knie auf und sofort tränkte Blut den Stoff ihrer Jeans. Der Koffer sprang auf und ihre alten Kleider verteilten sich überall.
Schmerz. Stechender Schmerz.
Keira lag auf dem Boden und konnte sich lange Zeit nicht aufrappeln.
„Für wen ziehst du diese Show jetzt ab?“ Martha stand oben auf der Treppe und blickte auf sie herab wie auf ein Stück Dreck. „Aiden ist nicht hier, dein erbärmliches Schauspiel bringt dir gar nichts! Beeil dich, pack deine Sachen und verschwinde, und mach mir nicht den Boden schmutzig!“
Keira biss die Zähne zusammen. Tränen mischten sich mit kaltem Schweiß und tropften auf den Boden. Fahrig stopfte sie die Kleider zurück in den Koffer und zitterte, als sie versuchte, sich aufzurichten.
„Ich wusste doch, dass auf dich kein Verlass ist! All die Jahre habe ich dich umsonst durchgefüttert – du bist nicht mal in der Lage, einen Mann zu halten! Ich hätte dich schon viel früher zu den Abendessen mit diesen Geschäftsleuten schicken sollen. Dann hätten wir wenigstens etwas davon gehabt!“
Diese Worte bohrten sich wie Messer in Keiras Herz.
Sie erinnerte sich daran, wie Martha sie mehrfach zu Abendessen mit Geschäftsleuten geschickt und behauptet hatte, es diene den Interessen der Familie.
In Wahrheit ging es nur darum, ihr Lächeln gegen geschäftliche Vorteile einzutauschen. Das war ihre Mutter.
Das war die Familie, der sie es immer so verzweifelt recht machen wollte.
Sie humpelte davon und zog ihren Koffer hinter sich her. Ihr Blut zog eine lange Spur über den Boden, während sie diesen Ort ohne Wärme hinter sich ließ.
