Kapitel 3 Der Preis der Seele
Sunrise Hotel, Zimmer 808.
In dem Augenblick, als Keira eintrat, wusste sie, dass es eine Falle war. Marthas sogenanntes „Abschiedsessen“ war ein Geschäft mit Menschenhandel.
Martha war nicht im Zimmer.
Nur ein hässlicher, fetter Mann saß am Tisch. Seine Augen tasteten Keiras Körper ab wie ein Raubtier, das ein Stück Fleisch beäugt.
„Keira.“ Der Name des Mannes war Brandon, und er musterte sie gierig. „Du bist noch schöner als auf den Fotos.“
Keira drehte sich um, um zu gehen, doch zwei stämmige Bodyguards versperrten die Tür.
„Wer sind Sie? Wo ist meine Mutter?“ Keira wich zurück und verlangte Antworten.
„Deine Mutter?“ Brandon lachte, während er Wein einschenkte. „Drei Millionen Dollar. Deine Mutter hat dich, eine Ware aus zweiter Hand, zu einem guten Preis verkauft, Keira.“
Verzweiflung schlang sich wie eine Schlange um Keira. Um die Firma zu retten, hatte Martha sie tatsächlich als Spielzeug an so einen Mann verkauft.
„Bleiben Sie mir vom Leib!“ Als Brandon sich auf sie stürzte, griff Keira nach einem Teller auf dem Tisch und zerschmetterte ihn an seinem Kopf.
Während Brandon vor Schmerzen schrie, versuchte sie zu entkommen, doch die Bodyguards drängten sie in die Enge. Kein Ausweg.
Keira blickte auf die scharfe Tellerscherbe in ihrer Hand. Dann sah sie in Brandons widerliches, lüsternes Gesicht.
Lieber würde sie sterben, als zuzulassen, dass jemals wieder ein Mann sie anfasste. Niemals.
„Kommen Sie nicht näher!“, schrie sie, und in ihren Augen blitzte der Wahnsinn. „Noch einen Schritt näher und ich …“
„Du willst mich umbringen?“, spottete Brandon.
„Nein.“ Keiras Augen brannten vor einem furchtbaren Wahnsinn. „Ich werde mich selbst zerstören!“
Ohne zu zögern hob sie die Scherbe und zog sie sich mit voller Wucht über die linke Wange.
Blut spritzte hervor, strömte ihren Hals hinab und färbte Keiras weißes Kleid rot, sodass sie wie ein rachsüchtiger Dämon wirkte.
„Verdammt!“ Brandon wich entsetzt zurück, seine Gier schlagartig von nackter Angst abgelöst. „Schafft sie hier raus! Lasst sie nicht hier sterben!“
Wie eine blutüberströmte Rachegöttin hielt Keira sich die Scherbe an die Kehle und wich Schritt für Schritt aus dem Zimmer zurück.
In dem Moment, als sie den Flur erreichte, rannte sie wie von Sinnen los.
Sie rannte, bis ihre Lungen brannten. Sie verlor ihre High Heels, rannte barfuß weiter und bald bluteten auch ihre Füße.
Im kalten Nachtregen wusste sie nicht, wohin sie gehen sollte. Sie wusste nur, dass sie fliehen musste, bis sie schließlich ans Ufer eines Sees stolperte.
Das Wasser des Sees war pechschwarz.
„Niemand interessiert sich für mich. Meine Mutter hat mich verkauft, mein Mann hasst mich. Ich werde ohnehin bald sterben“, dachte sie.
Spring hinein, lockte der Gedanke.
Sie trat einen Schritt auf das Wasser zu. Sie schloss die Augen und beugte sich nach vorn.
„Keira!“
Ein Brüllen ertönte hinter ihr. Eine starke Hand packte ihren Arm und riss sie von der Uferkante zurück.
Sie wirbelte herum und prallte gegen eine harte, warme Brust.
Ein Mann. Groß. Voller Kraft.
„Lassen Sie mich los.“ Sie wehrte sich schwach.
„Willst du sterben?“ Eine tiefe, magnetische, aber zornige Stimme erklang über ihr. „In dieser Welt wählen nur die Schwachen den Tod. Willst du, dass diejenigen, die dir wehgetan haben, mit Champagner anstoßen?“
Keira versuchte mühsam, den Kopf zu heben. Durch ihren verschwommenen Blick konnte sie das Gesicht des Mannes nicht scharf erkennen, nur ein Paar Augen, tief wie der Ozean, in denen eine vertraute und zugleich gefährliche Sorge lag.
„Wer bist du?“, flüsterte sie.
„Du Idiotin.“ Die Stimme des Mannes zitterte vor Zorn und Angst. „Glaubst du, Sterben löst irgendetwas?“
Keira konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Ihre Knie gaben nach.
„Rette mich“, murmelte sie, und die Dunkelheit verschlang sie schließlich.
Als Keira das Bewusstsein wiedererlangte, stieg ihr nicht der fischige Geruch des kalten Regens in die Nase, sondern ein zarter Lavendelduft.
Langsam öffnete sie die Augen und fand sich in einem privaten Krankenzimmer voller hochmoderner Geräte wieder. Die Wunde in ihrem Gesicht war perfekt versorgt worden und hinterließ nur ein leichtes, kühles Gefühl.
„Du bist wach.“
Elodie, die ehemalige Haushälterin der Familie Lynn, stand mit geröteten Augen am Bett.
„Elodie? Wie bin ich hierhergekommen?“ Keiras Stimme klang furchtbar heiser.
„Ein Herr hat dich hergebracht und mich gebeten, für dich zu sorgen.“ Elodie wischte sich die Tränen ab und sah sie voller Kummer an. „Keira, wie bist du nur in diese Lage geraten?“
„Wo ist dieser Herr? Wo ist er?“ Keira versuchte mühsam, sich aufzurichten. Die Gestalt aus jener Regennacht war in ihrer Erinnerung zwar verschwommen, doch sie hatte ihr die einzige Wärme gespendet, als sie dem Tod so nahe gewesen war.
„Er ist gegangen, nachdem er dich hier untergebracht hat. Er ließ nur ausrichten, dass du dich ausruhen und erholen sollst. Er hat sämtliche Kosten übernommen.“ Elodie drückte ihr sanft auf die Schultern, um sie zu beruhigen. „Schon gut, Keira, denk jetzt nicht darüber nach. Ruh dich erst einmal aus.“
Dieser geheimnisvolle Mann war wie ein Traum – er tauchte unvermittelt auf und verschwand spurlos.
