Kapitel 2 Nie geliebt
In jener Nacht konnte Keira nicht schlafen. Sie starrte die ganze Nacht an die Decke, doch was ihr durch den Kopf schoss, war nicht das Bild von Aiden, der Zoeys Haar streichelte – es war jene regnerische Nacht vor zehn Jahren.
Der Junge, der sie gerettet hatte, der ihr die Hoffnung gab, weiterzuleben.
Sie hatte geglaubt, es sei Aiden. Um diese Schuld zu begleichen, für die Liebe, die aus einer Verwechslung entstanden war, ertrug sie drei Jahre der Demütigung in diesem kalten Anwesen. Sie dachte, wenn sie nur sanft genug wäre, würde Aidens eisiges Herz irgendwann schmelzen.
Aber sie hatte sich geirrt. Der warmherzige Junge von damals konnte unmöglich das Monster sein, das er heute war.
Im Morgengrauen war sie nicht mehr die schüchterne Keira.
Sie saß an ihrem Schreibtisch, die Finger flogen über die Tastatur und tippten eine Scheidungsvereinbarung.
Sie wollte nichts. Keinen Unterhalt, keine Vermögenswerte. Einfach nur gehen.
Sie klickte auf Drucken. Doch noch bevor das Papier abgekühlt war, hämmerte jemand gewaltsam gegen die Haustür des Anwesens.
Keira öffnete die Tür und wurde sogleich mit einer Ohrfeige von Martha begrüßt.
„Du undankbares Miststück!“, schrie Martha und warf Keira ein zerknülltes Dokument ins Gesicht. Es war eine Mitteilung des Familienanwalts – Keira hatte sich zuvor nach den Scheidungsformalitäten erkundigt.
„Wer hat dir erlaubt, auch nur daran zu denken, Aiden zu verlassen? Weißt du überhaupt, was die Investition der Coleman Group für uns bedeutet?“
Obwohl sie den Geschmack von Blut im Mund hatte, senkte Keira diesmal nicht den Kopf. Sie blickte auf, ihre Augen so leblos wie ein stehendes Gewässer.
„Mom.“ Keiras Stimme war erschreckend ruhig. „Ich habe es satt, dein Werkzeug zu sein. Ich habe es satt, sein Boxsack zu sein.“
„Du wagst es, mir zu widersprechen?“ Martha hob erneut die Hand.
Keira packte plötzlich Marthas Handgelenk. Nicht sonderlich fest, doch es ließ Martha augenblicklich erstarren.
„Nur zu, schlag mich.“ Keira sah sie kalt an, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen. „Töte mich. Ich sterbe ohnehin. Es wäre gnädiger, als weiterzuleben.“
„Was redest du da für einen Wahnsinn?“ Martha wich zurück, erschrocken über die ungewohnte Kälte in Keiras Augen.
In genau diesem Moment geriet die Welt vor Keiras Augen heftig ins Wanken. Der Tumor in ihrem Gehirn drückte auf den Sehnerv, und Dunkelheit brach wie eine Flutwelle über sie herein. Sie taumelte rückwärts und stieß eine Vase um.
„Hör auf mit diesem Theater!“ Obwohl sie leicht aus der Fassung gebracht war, versetzte Martha Keira einen Tritt. „Steh auf! Glaubst du, auf krank zu machen, bringt dir Mitleid ein? Wenn du es wagst, dich von ihm scheiden zu lassen, dann brauchst du gar nicht erst daran zu denken, jemals zur Lynn-Familie zurückzukehren!“
Martha schlug die Tür zu und verschwand.
Stille kehrte ein. Keira stemmte sich hoch. Ihre Sicht klärte sich langsam wieder, doch alles blieb ein verschwommener Schleier aus grauen Schatten.
Keira riss sich zusammen. Sie griff nach ihrem Handy und rief Aiden an. Sie musste das beenden. Und zwar sofort.
„Was gibt’s?“ Aidens Stimme klang so ungeduldig wie immer.
„Ich verlasse dich, Aiden. Die Scheidungspapiere liegen auf dem Tisch.“
Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause. Dann erklang ein leises, spöttisches Lachen.
„Was soll diese neue Masche? Willst du dich interessant machen?“, spottete Aiden. „Schön. Dann verschwinde. Aber denk daran, Keira: Sobald du zur Tür hinausgehst, bist du ein Nichts. Ohne mein Geld wirst du auf der Straße verhungern.“
„Keine Sorge.“ Keira betrachtete den Ehering, der ihr einst so viel bedeutet hatte. „Ich werde keinen Cent von deinem Geld nehmen.“
Sie legte auf. Sie trat an den Mülleimer und öffnete die Hand.
Der Diamantring, der einst für ein Versprechen gestanden hatte, fiel wie gewöhnlicher Müll in den Papierkorb.
„Leb wohl, Aiden. Ob es nun Liebe oder Hass war – es ist jetzt vorbei.“
Sie nahm nur eine schlichte Handtasche mit und verließ das Coleman-Anwesen, ohne sich auch nur einmal umzudrehen.
Unterwegs vibrierte ihr Handy. Es war Martha.
Keira runzelte die Stirn, nahm aber dennoch ab.
„Keira.“ Marthas Stimme klang völlig verändert – sanft, voller Reue und beinahe den Tränen nahe. „Es tut mir leid. Ich habe vorhin die Beherrschung verloren. Ich mache mir einfach solche Sorgen um die Firma deines Vaters. Können wir reden? Betrachte es einfach als Abschiedsessen für deine dreijährige Ehe?“
Das war eine Falle. Keira wusste das. Martha entschuldigte sich nie.
Doch jene Stimme in ihrem Inneren, die sich so sehr nach mütterlicher Liebe sehnte, redete ihr zu. Und vielleicht wollte sie diese Verbindung auch einfach nur endgültig kappen.
„In Ordnung“, sagte Keira.
Wenige Stunden später kehrte Aiden nach Hause zurück.
„Keira, Wasser.“ Er befahl es aus reiner Gewohnheit.
Totenstille.
Er ging ins Schlafzimmer. Der Kleiderschrank war leer, Keiras billige Kleidung war verschwunden.
Sein Blick fiel auf die Scheidungsvereinbarung auf dem Tisch, unterzeichnet in einer sauberen, entschlossenen Handschrift. Doch den Ring sah er nicht.
Eine unerklärliche Gereiztheit stieg in ihm auf. Er sah sich um und entdeckte schließlich im Mülleimer in der Ecke den Ring, den er einst beiläufig auf einer Auktion erstanden hatte – er lag achtlos zwischen einem Haufen Altpapier.
Weggeworfen. Wie Müll.
Aidens Pupillen zogen sich ruckartig zusammen, und eine nie dagewesene Wut stieg in seiner Brust auf.
„Gut gemacht, Keira. Bete lieber, dass du später nicht weinend zu mir zurückgekrochen kommst.“
