Kapitel 5: Nur Nancy ist Klaus würdig!
Perspektive von Emma
Daisy schwieg lange Zeit, ihr Gesichtsausdruck war schwer zu deuten.
„Du hast dich entschieden?“
„Ja“, antwortete ich fest.
„Okay! Emma, wie auch immer du dich entscheidest, ich unterstütze dich.“
„Weißt du, nach der Scheidung kannst du eine hohe Abfindung von Klaus bekommen. Du kannst das Kind alleine großziehen.“ Sie sah mich ernst an. „Du verdienst ein besseres Leben, Emma.“
Erneut liefen mir Tränen über das Gesicht.
„Daisy, ich muss dich noch um eine Sache bitten.“
„Sag niemandem, dass ich schwanger bin, vor allem nicht Klaus.“
„Ich schwöre es“, stimmte Daisy ohne zu zögern zu. „Das ist dein Geheimnis, und jetzt auch meins.“
Endlich atmete ich erleichtert auf, und mein Körper entspannte sich ein wenig.
Vielleicht lag es an den vielen Tränen, aber in den frühen Morgenstunden dämmerte ich weg.
Als ich wieder aufwachte, war es draußen bereits hell.
Daisy musste heute nicht im Krankenhaus arbeiten.
Als sie sah, dass ich wach war, fragte sie: „Tut dein Bauch noch weh?“
Ich schüttelte langsam den Kopf.
„Gut. Ruh dich noch ein bisschen aus. Ich mache etwas zu essen. Du hast jetzt ein Baby, du darfst nicht hungern.“
Ich lag im Bett und legte behutsam meine Hand auf meinen flachen Unterleib.
Das war mein einziger Grund, weiterzuleben.
Daisy kam mit Spiegeleiern und Speck aus der Küche. Ich setzte mich auf und ging zum Esstisch.
An der Wand des Esszimmers hing ein Fernseher, auf dem die Morgennachrichten liefen.
Der Bildschirm wechselte zu einer Live-Übertragung einer Gala.
Die Schlagzeile war grell und unübersehbar: [Alpha des Golden Moon Rudels tritt öffentlich mit weiblicher Begleitung auf].
In der Bildmitte stand Klaus mit Nancy am Arm.
Mein Messer und meine Gabel fielen scheppernd auf den Teller.
„Schau nicht hin, Emma. Mach es aus.“
Daisy bemerkte meine Reaktion und griff sofort nach der Fernbedienung.
Ich drückte ihre Hand herunter. „Schon gut. Ich muss mich dem früher oder später stellen, oder nicht?“
Im Fernsehen blickte Nancy voller Anbetung zu Klaus auf, stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Dann lächelte auch Klaus.
Ein zärtliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht, eines, das ich noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte.
Seine Hand legte sich mit unverhohlener Besitz ergreifender Zuneigung um Nancys Taille.
Er war also nicht von Natur aus kalt. Er lächelte nur mich nicht an.
Reporter drängten nach vorne und hielten Nancy Mikrofone entgegen.
„Frau Nancy, in welcher Beziehung stehen Sie zu Herrn Klaus?“
„Erwägen die beiden Rudel eine Heiratsallianz?“
Ein schüchternes Lächeln zeigte sich auf Nancys Gesicht, während sie sanft den Kopf schüttelte.
„Ich bin nur Klaus’ Begleitung.“
Ihre Stimme war leise, doch in ihren Augen blitzte Triumph auf.
Klaus sah missmutig aus und runzelte die Stirn, als ob ihm die Fragen der Reporter missfielen.
Nancy bemerkte seine Stimmung und fügte schnell hinzu: „Eigentlich ist Klaus bereits verheiratet.“
Als sie das sagte, röteten sich ihre Augen plötzlich.
„Obwohl ich Klaus liebe, möchte ich nicht die andere Frau sein.“
Ihre Stimme brach, was sie vollkommen ungerecht behandelt und unschuldig wirken ließ.
„Ich habe eine Silbervergiftung. Der Arzt sagt, dass mir vielleicht nicht mehr viel Zeit bleibt. In meinen letzten Tagen reicht es mir, als Freundin an Klaus’ Seite sein zu dürfen.“
Tränen glitten ihre Wangen hinab.
Die anwesenden Gäste gaben Laute des Mitgefühls von sich, einige begannen sogar leise zu weinen.
Die Reporter wurden immer aufgeregter und fragten ununterbrochen: „Frau Nancy, wie ernst ist Ihr Zustand?“
„Weiß Herr Klaus von Ihrer Krankheit?“
„Haben Sie Klaus’ Ehefrau etwas zu sagen?“
Nancys Gesicht wurde blasser. Plötzlich trat Klaus vor und schirmte Nancy vor den Blicken ab.
Seine Stimme klang kalt und gebieterisch. „Das Interview ist beendet!“
Er wandte sich Nancy zu, um sie zu stützen; sein Blick war voller Schmerz und Schuldgefühle. „Komm, ich bringe dich fort, damit du dich ausruhen kannst.“
In der Aufnahme sah man, wie er Nancy behutsam hinausführte. Seine Haltung, während sie sich entfernten, wirkte so sanft und fürsorglich.
„Was bildet die sich eigentlich ein? Sie ist nichts weiter als eine Ehebrecherin, die einer anderen den Mann ausspannt!“
Daisys Gesicht war vor Wut hochrot angelaufen.
„Emma, du bist so viel besser als sie. Sei nicht traurig und lass dir bloß keine Minderwertigkeitskomplexe einreden.“
Ich nahm mein Handy zur Hand.
Auf dem Display erschienen unzählige Benachrichtigungen, die sich alle um das Interview drehten.
Ich tippte auf die Top-Meldung.
Nancys Silbervergiftung hatte ihr eine Welle des Mitleids eingebracht.
Die Kommentarspalte war voll von Gebeten für sie.
„Miss Nancy ist so gutherzig. Sie liebt Klaus ganz offensichtlich, würde aber niemals eine Ehe zerstören.“
„Hoffentlich besiegt sie ihre Krankheit und kann mit Klaus zusammen sein!“
„So wie Klaus sie behandelt, muss es wahre Liebe sein.“
Ich scrollte weiter, als mir plötzlich eine weitere Schlagzeile ins Auge sprang.
[Schockierend! Alpha Klaus ist tatsächlich verheiratet!]
Meine Finger erstarrten. In den Kommentaren brach ein Sturm los.
„Was? Klaus ist verheiratet? Ich dachte, er wäre Single!“
„Wer ist seine Frau? Warum hat er sie nie öffentlich vorgestellt?“
Dann enthüllte jemand: „Ich habe gehört, dass Klaus’ Luna eine Frau ohne Wolf ist!“
Dieser Kommentar zog sofort alle Aufmerksamkeit auf sich.
„Ohne Wolf? Wie konnte sie da überhaupt Luna werden? Das ist eine Beleidigung für das ganze Rudel!“
„Kein Wunder, dass Klaus sich nie öffentlich zu ihr bekennt. Sie ist nutzlos!“
„Sie sollen sich schnell scheiden lassen! Nur Nancy hat Klaus verdient!“
„Ja! Macht Nancy zur Luna des Golden Moon Rudels! Sie ist gütig und wunderschön, hundertmal besser als dieses wolflose Stück Elend!“
Immer mehr Leute forderten, dass Klaus sich von mir scheiden lassen sollte, und hofften, dass Nancy die Luna des Rudels würde.
Ich wurde leichenblass.
Das Handy entglitt meiner Hand und schlug hart auf dem Boden auf.
„Emma!“ Daisy eilte herbei, um mich zu stützen.
Plötzlich tauchte das gütige Gesicht des alten Campbell vor meinem inneren Auge auf.
An meinem Hochzeitstag mit Klaus hatte er meine Hand genommen und mir feierlich erklärt:
„Emma, mein Urteil trügt nie. Du und Klaus, ihr seid füreinander bestimmt.“
Es tut mir leid, Großvater. Ich werde dich nun doch enttäuschen.
Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinen Gedanken.
Es war meine Adoptivmutter Sally.
Kaum hatte ich abgenommen, bohrte sich ihre schrille, harsche Stimme in mein Ohr.
„Emma! Hast du ferngesehen? Was hat es mit Nancy und Klaus auf sich?“
„Du bist seine Ehefrau! Warum geht er mit einer anderen Frau auf eine Gala?“
„Alle Welt redet jetzt darüber! Weißt du eigentlich, wie sehr mich das demütigt?“
Ich war so nervös, dass meine Handflächen feucht wurden.
„Mama, lass es mich erklären. Ich habe mich in letzter Zeit nicht wohlgefühlt und konnte Klaus nicht begleiten, also hat er sich kurzfristig eine Begleitung gesucht.“
Sallys Stimme wurde noch schriller, voller Enttäuschung und Vorwurf.
„Du lässt dir von einer anderen Frau den eigenen Ehemann ausspannen. Du hast mich maßlos enttäuscht!“
Ihr Tonfall änderte sich schlagartig.
„Und außerdem bist du schon seit einem Jahr mit Klaus verheiratet. Warum bist du immer noch nicht schwanger?!“
„Ich versuche es ja wirklich.“ Ich umklammerte das Handy so fest ich konnte.
Doch Sally erteilte mir einen direkten Befehl.
„Morgen bringe ich dich ins Krankenhaus, damit du mal gründlich durchgecheckt wirst! Wir müssen herausfinden, was mit deinem Körper nicht stimmt!“
Nein. Ich durfte nicht zulassen, dass sie mich ins Krankenhaus brachte.
Sie durfte auf keinen Fall erfahren, dass ich schwanger war, sonst würde sie es garantiert sofort Klaus erzählen!
