Kapitel 5: Eine gründliche Schlussfolgerung
Als Olivia dort ankam, klingelte das Handy des Mannes. Er griff rasch danach und eilte davon.
Olivia erhaschte nur noch einen Blick auf eine große, souveräne und vornehme Gestalt. Ohne weiter darüber nachzudenken, wandte sie sich wieder Bianca zu.
„Bianca, ist alles in Ordnung?“ fragte sie besorgt und sah nach ihrer Tochter.
Bianca wirkte leicht benommen und zögerte einen Moment, bevor sie murmelte: „Nein, dieser Mann … hat mich aufgefangen …“
Nachdem Olivia sich vergewissert hatte, dass Bianca unverletzt war, nickte sie. „Ich habe es gesehen, er hat dich gerettet.“
Bianca nickte. „Er ist gegangen … Ich konnte mich gar nicht bedanken …“
Olivia spürte ebenfalls einen Stich des Bedauerns.
Er war so schnell verschwunden, dass sie nicht einmal sein Gesicht richtig erkannt hatte.
Sie fragte ihre Tochter: „Bianca, weißt du noch, wie er aussah? Dann können wir uns bei ihm bedanken, falls wir ihm noch einmal begegnen.“
Bianca nickte. „Ich weiß es noch … Er war gutaussehend …“
Olivia war ein wenig überrascht.
Normalerweise achtete Bianca kaum auf die Menschen in ihrer Umgebung und nahm andere nur selten wahr.
Es war das erste Mal, dass sie einen Fremden als ‚gutaussehend‘ bezeichnete. Offenbar hatte seine Rettungsaktion einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen.
Olivia wuschelte ihr liebevoll durchs Haar. „Wirklich? Dann wirst du ihn das nächste Mal bestimmt wiedererkennen. Möchtest du weiterspielen, Bianca?“
Bianca nickte, von dem Vorfall eben keineswegs abgeschreckt.
Olivia war etwas erleichtert und ließ sie wieder losziehen.
In diesem Moment rief Michael an und fragte: „Ich habe dir gesagt, du sollst heute zur Übergabe kommen, warum warst du nicht da?“
Olivia sank das Herz, als es ihr wieder einfiel.
Sie antwortete kühl: „Bianca ging es heute nicht gut, ich …“
Michael unterbrach sie mit unwilligem, kaltem Tonfall: „Olivia, ich bin sehr beschäftigt und habe keine Zeit für solche Verzögerungstaktiken. Glaub ja nicht, dass du mich umstimmen kannst, indem du Bianca vorschiebst. Du musst morgen früh für die Übergabe ins Büro kommen!“
Er setzte ihr dieses finale Ultimatum und legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten. Als Olivia das Tuten in der Leitung hörte, lief ihr ein Schauer über den Rücken.
Michael hatte nicht einmal gefragt, wie es Bianca ging.
Er ging einfach davon aus, dass sie ihre gemeinsame Tochter als Druckmittel benutzte.
Olivia schluckte ihre Bitterkeit und ihren Kummer hinunter, verdrängte die Gefühle rasch und ließ das Handy in ihre Tasche gleiten.
Na schön, dann würde sie das eben morgen klären.
Am nächsten Morgen fuhr Olivia wie geplant zur Übergabe zur Johnson Group.
Als sie in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung ankam, sah sie sofort Sophia an ihrem Schreibtisch sitzen.
Sophia war elegant in einen weißen Hosenanzug gekleidet und strahlte eine Aura von Raffinesse aus.
Olivias Finger verkrampften sich.
Nur Michael zuliebe hatte sie sich in dieses völlig fremde Fachgebiet eingearbeitet.
Sie hätte nie erwartet, nach all ihrer harten Arbeit und Hingabe einfach so vor die Tür gesetzt zu werden.
Olivia schloss für einen Moment die Augen.
Sei’s drum.
Nichts, was mit Michael zu tun hatte, war es noch wert, daran festzuhalten.
Mit diesem Gedanken trat Olivia ruhigen Schrittes ein.
Sophia blickte auf, sobald sie Schritte hörte.
Ihre Gesichtszüge, die eben noch entspannt und sanft gewirkt hatten, wurden augenblicklich kalt und hochmütig, als sie Olivia erblickte.
„Warum tauchen Sie erst jetzt auf? Ms. Smith, haben Sie überhaupt kein Zeitgefühl? Oder versuchen Sie schon wieder, alles hinauszuzögern, in der Hoffnung, dass Michael doch noch nachgibt?“
Olivia war von Sophias Auftreten überrumpelt. Sie hatten noch nie zuvor miteinander gesprochen, auch wenn Olivia sie schon oft aus der Ferne beobachtet hatte.
Damals hatte Sophia ganz anders gewirkt.
Offenbar hatte sie zwei Gesichter.
Olivia fasste sich wieder, ihre Miene war eisig. „Der Arbeitstag bei der Johnson Group beginnt um neun Uhr. Es ist acht Uhr achtundfünfzig. Ich sehe kein Problem mit meinem Zeitmanagement. Wenn Sie nicht warten können, dann lassen Sie es eben.“
Sophia verzog spöttisch das Gesicht, ihre Miene drückte tiefe Verachtung aus. „Michael hat gesagt, dass mir heute die Laborleitung übergeben wird. Glauben Sie ernsthaft, ich gehe jetzt, nur weil Sie das sagen?“
Ihr Gesichtsausdruck wurde hochmütig. „Hören Sie auf, meine Zeit zu verschwenden, und übergeben Sie mir die Unterlagen. Michael wartet auf meinen Fortschrittsbericht!“
Bei Sophias prahlerischem Tonfall spürte Olivia einen schmerzhaften Stich im Herzen.
Doch sie ließ sich nichts anmerken.
Sie wollte Sophia diese Genugtuung nicht gönnen.
Mit unbewegter, kühler Miene führte Olivia geduldig die Übergabe mit Sophia durch; sie ging dabei äußerst gründlich vor, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten.
Doch noch bevor sie fertig war, unterbrach Sophia sie ungeduldig: „Das reicht. Ich hab's kapiert. Wir können an dieser Stelle abbrechen.“
Olivia runzelte die Stirn. „Wir müssen noch einen wichtigen Teil der Forschungsdaten durchgehen …“
„Das sind doch alles veraltete Daten. Was soll das bringen? Sobald ich hier das Sagen habe, fliegt dieser ganze alte Kram raus! Genau deshalb hat Michael mich ausgewählt!“
Sophia stand auf und sah von oben herab auf Olivia. „Sie können jetzt gehen.“
Olivias Lippen zuckten, und schließlich stieß sie ein freudloses, kaltes Lachen aus. „Schön. Ich hoffe, Sie sind der Sache gewachsen …“
Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung war riesig, und es würde eigentlich Tage dauern, alles zu übergeben, woran sie in den letzten drei Jahren gearbeitet hatte.
Sophias Selbstüberschätzung war geradezu lächerlich.
Sophias Miene verfinsterte sich. „Was soll das heißen? Zweifeln Sie etwa an meinen Fähigkeiten? Aber … Michael hat sich für mich entschieden!
Olivia, Sie sollten allmählich begreifen, dass weder die Firma noch er in Ihrer Reichweite liegen!“
Rasch setzte sie wieder ihren selbstgefälligen Gesichtsausdruck auf.
Als Olivia in dieses hämische Gesicht sah, sagte sie ruhig: „Ich bereue es in der Tat. Ich dachte, es wäre ein seltener, kostbarer Diamant, dabei war er längst schmutzig.“
„Was wollen Sie damit andeuten?“ Sophia runzelte die Stirn und funkelte sie wütend an.
Olivias Tonfall war spöttisch und eiskalt. „Nichts. Wenn Sie es nicht verstehen, vergessen Sie es einfach. Aber ich bin schon neugierig: Wenn Ihnen so viel an Michael liegt, warum haben Sie dann einen anderen geheiratet und ein Kind bekommen? Lieben Sie Michael überhaupt wirklich?
Oder sind Sie nur zu ihm zurückgekrochen, weil Ihre andere Option ins Wasser gefallen ist?“
Sophias Miene entgleiste, und für den Bruchteil einer Sekunde blitzte Panik in ihren Augen auf.
Olivia entging das nicht und sie lächelte spöttisch. „Es scheint, als wären manche Dinge kein Zufall. Michaels Oma ist gerade erst gestorben, und Sie kommen sofort angerannt.“
„Sie …“ Sophia hätte nie erwartet, dass jemand wie Olivia es wagen würde, sie derart zu verhöhnen.
Sie wollte etwas erwidern, doch ihr fehlten schlichtweg die Worte.
Angesichts dieser Reaktion wusste Olivia, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.
Aber das schien nun auch keine Rolle mehr zu spielen.
Schließlich war Michael bereit, dieses Spiel mitzuspielen, nicht wahr?
