Kapitel 2 Die erste Liebe kehrt zurück
Die Puzzleteile fügten sich zusammen.
In jener Nacht, als Edward betrunken nach Hause gekommen war, hatte der Name auf seinen Lippen nicht „Jenna“ gelautet – sondern „Jennifer“.
Schmerz schoss Jenna durch die Brust, scharf und unerbittlich, als würden tausend Nadeln ihr Herz auf einmal durchbohren.
Sie hatte sich in Edward verliebt, lange bevor sie heirateten.
Vor Jahren hatte sie als Laufstegmodel für eine Modenschau der Russell Corporation gearbeitet. In dem Moment, als sie Edward im VIP-Bereich entdeckte, gingen ihr die Nerven durch, und mitten im Schritt knickte sie um. Gelächter kräuselte sich durch die Menge. Jenna hätte am liebsten im Boden versunken – bis Edward selbst auf die Bühne trat und ihr mit stiller Eleganz aufhalf.
An diesem Tag hatte sie gedacht: „Welche Frau hätte nicht Glück, einen Mann wie ihn zu heiraten?“
Als ihre Mutter später enthüllte, Edward sei die arrangierte Partie, von der sie immer gesprochen hatte, konnte Jenna die ganze Nacht vor lauter Aufregung nicht schlafen.
Sie hatte geglaubt, wenn sie nur eine gute Ehefrau wäre, könnten sie sich gemeinsam ein Leben aufbauen.
Doch jetzt, als sie dieses Foto anstarrte, begriff sie, wie naiv sie gewesen war.
Plötzlich wälzte sich eine Welle der Übelkeit über sie. Sie taumelte Richtung Badezimmer, doch ihr Blickfeld schwärzte sich, und sie brach zusammen, bewusstlos, noch bevor sie den Boden erreichte.
Als Jenna die Augen wieder öffnete, lag sie in einem privaten Krankenhauszimmer.
Sie drehte den Kopf zur Tür, die einen Spalt offen stand. Stimmen trieben vom Flur herein.
„Was für ein Stimmungskiller. Konnte sie nicht zu irgendeinem anderen Zeitpunkt umkippen? Musste genau dann sein, als wir gerade Spaß hatten. Ich schwör, sie hat’s absichtlich gemacht …“
Jenna erkannte die Stimme – Lucas Mitchell, einer von Edwards engsten Freunden.
Edward hatte Lucas im Laufe der Jahre ein paarmal mit nach Hause gebracht. Jedes Mal, wenn Lucas Jenna sah, gerann sein Gesicht zu unverhohlener Abneigung.
„Edward, ich weiß echt nicht, wie du sie erträgst. Was hat sie, was Jenny nicht hat? Nichts.“
Jenna hatte nie verstanden, warum Lucas sie so sehr verabscheute. Jetzt ergab es Sinn. In aller Augen konnte keine Frau Jennifer das Wasser reichen.
Edwards kühle Stimme antwortete: „Meine Mutter hat die Ehe arrangiert.“
Diese wenigen Worte ließen Jennas Herz in die Tiefe stürzen.
Natürlich liebte er sie nicht. Er hatte sie nur geheiratet, um seine Mutter zufriedenzustellen.
Lucas schnaubte. „Ehrlich, ich werde nie verstehen, was deine Mom sich dabei gedacht hat. Sie hatte Jennifer direkt vor der Nase – eine unglaubliche Frau – und stattdessen hat sie dich gezwungen, irgendein Laufstegmodel zu heiraten. Dieses Mädchen läuft beruflich halbnackt herum. Sie ist deine Zeit nicht wert.“
Jennas Finger krümmten sich zu Fäusten, die Nägel bohrten sich in ihre Handflächen.
Modeln war seit ihrer Kindheit ihr Traum gewesen. Sie hatte so viel dafür geopfert.
Doch für sie war sie nur eine aufmerksamkeitssüchtige Niemandin, die nichts zu bieten hatte außer ihrem Aussehen.
Edward sagte nichts.
Lucas fuhr fort, sein Ton schon fast freudig: „Aber hey, wenigstens ist Jenny jetzt wieder da. Du musst nicht länger leiden. Und weil ihr zwei noch keine Kinder habt – warum lässt du dich nicht einfach scheiden? Bevor Jenny dir wieder durch die Finger rutscht …“
Jenna legte die Hand instinktiv auf den Bauch, während sich ein bitterer Schmerz durch ihre Brust ausbreitete.
Also deshalb hatte Edward sie nie berührt – er hatte Angst gehabt, sie könnte schwanger werden.
Die ganze Zeit hatte sie sich etwas vorgemacht.
Da schnitt plötzlich eine helle, fröhliche Stimme durch das Gespräch. „Lucas! Was für einen Unsinn redest du da schon wieder?“
„Jenny!“ Lucas’ Großspurigkeit verdampfte augenblicklich.
„Jenny? Sie ist auch hier?“
Natürlich. Das erklärte, warum Edward sich heute Abend so sorgfältig angezogen hatte.
Jenna stemmte sich gerade weit genug hoch, um durch den Türspalt zu spähen. Im Flur stand eine große Frau mit einem schicken Pixie-Cut, gekleidet in ein teures Chanel-Kostüm, das Selbstbewusstsein und Raffinesse ausstrahlte.
Jennifer Garcia.
Ihre Schönheit war magnetisch – lebendig, ihrer selbst sicher, gebieterisch.
Jenna blickte an sich hinab. Einst ein Model, hatte sie in den Jahren des häuslichen Lebens zugelassen, dass ihre Figur weicher wurde. Gegen Jennifer konnte sie nicht ankommen.
Kein Wunder, dass Edward sie liebte.
Jennifer lachte und legte Edward mit selbstverständlicher Vertrautheit den Arm um den Nacken. „Hab ich euch Jungs mal fünf Minuten allein gelassen und ihr redet schon wieder Mist?“
Edward wich nicht zurück. Ein seltenes, nachsichtige Lächeln glättete seine Züge.
Jennifer tippte ihm spielerisch gegen die Wange. „Sag mal – hast du mich vermisst, als ich weg war?“
Edwards Kehle hob und senkte sich. „Ja.“
Jenna hatte das Gefühl, als zerbräche ihr Herz in tausend Stücke.
Dieser Mann – der kaum mit ihr sprach, der nie lächelte, der nicht ein einziges Mal etwas auch nur entfernt Zärtliches gesagt hatte – flirtete nun ganz offen mit einer anderen Frau.
Er war nicht kalt. Er sparte all seine Wärme einfach für Jennifer auf.
Ihre fünfjährige Ehe war nichts als ein grausamer Witz.
Draußen lachte und stichelte die Gruppe weiter. Jenna krallte die Hände in die Bettlaken, bis ihre Knöchel weiß hervortraten, Tränen brannten ihr in den Augenwinkeln.
Nach einer gefühlten Ewigkeit schwang die Tür auf.
Lucas stolzierte als Erster herein. „Mal sehen, ob unsere kostbare Mrs. Russell schon aufgewacht ist …“
Mitten im Satz brach er ab, als er Jenna aufrecht im Bett sitzen sah, den Blick leer nach vorn gerichtet.
Jennifer und Edward folgten ihm hinein. Als Jennifer bemerkte, dass Jenna wach war, trat sie sofort mit einem warmen Lächeln näher. „Hi! Ich bin Jennifer – Edwards Freundin. Du kannst mich Jenny nennen.“
Sie hakte sich ganz beiläufig bei Edward ein. „Ich bin gerade erst wieder in den Staaten. Wir wollten heute Abend eigentlich alle zusammen was machen, aber als wir gehört haben, dass du ohnmächtig geworden bist, hab ich darauf bestanden, dass wir nach dir sehen. Geht’s dir gut?“
Jenna starrte auf Jennifers süßes Lächeln und empfand nichts als Abscheu.
Sie sagte nichts, wandte den Blick lediglich zum Fenster.
Eine peinliche Stille legte sich über das Zimmer.
Jennifer, die gesellschaftlich immer ein feines Gespür hatte, begriff sofort, dass Jenna ihr Gespräch auf dem Flur mitgehört haben musste.
Sie zwickte Lucas leicht in den Arm und tadelte ihn spielerisch. „Das ist deine Schuld. Du hast da draußen den Mund nicht halten können und sie aufgebracht.“
Dann wandte sie sich wieder Jenna zu, der Ausdruck aufrichtig. „Jenna, bitte nimm es nicht persönlich. Wir kennen uns alle, seit wir Kinder sind – wir albern manchmal zu viel herum. Lucas hat das nicht so gemeint.“
Sie stieß Lucas mit dem Ellbogen an. „Entschuldige dich.“
Lucas verdrehte die Augen und murmelte halbherzig: „Tut mir leid, Mrs. Russell. War nur Spaß.“
Jenna sah sich dieses kleine Schauspiel an und ihr wurde übel.
Sie wollte kein weiteres Wort an irgendwen von ihnen verschwenden. „Ich bin müde“, sagte sie tonlos. „Ich muss mich ausruhen. Geht bitte.“
Das Zimmer verstummte. Alle sahen verlegen aus.
Edward zog die Stirn zusammen. „Jenny ist den ganzen Weg hergekommen, um dich zu sehen, und so benimmst du dich?“
Jenna stieß ein kaltes Lachen aus. „Ist sie hergekommen, um ‚mich‘ zu sehen? Oder um ‚dich‘ zu sehen?“
„Machst du das jetzt ernsthaft?“ fuhr Lucas sie an, doch Jennifer hielt ihn mit einem Blick zurück.
Edwards Stimme wurde hart. „Jenna, Jenny versucht, nett zu sein. Benimm dich nicht wie ein Kind.“
„Nett?“ Jennas Blick glitt zu Jennifer hinüber. „Ist es nett, sich vor meinen Augen an meinen Mann zu hängen?“
„Was zum Teufel soll das heißen?“ Lucas machte wütend einen Schritt nach vorn. „Jenny und Edward kennen sich seit Ewigkeiten. Sie braucht nicht deine Erlaubnis, ihm nah zu sein. Für wen hältst du dich eigentlich?“
Jennifer hob beschwichtigend die Hand, ihr Lächeln entschuldigend. „Jenna, du hast da was falsch verstanden. Ich kenne Edward länger als du. So waren wir schon immer.“
Sie zog eine kleine Geschenkbox aus der Tasche und hielt sie ihr hin. „Hier – ich hab dir was mitgebracht. Eine Tiffany-Halskette in limitierter Auflage. Sieh es als Willkommensgeschenk.“
Jenna starrte auf die funkelnde Kette in der Schachtel.
Es fühlte sich an, als würde man ihr das Herz Stück für Stück herausschneiden.
