1. VAMPIR
SELINE
„Sie ist stumm. Sie kann keine Partys veranstalten, wie es sich für eine pflichtbewusste Ehefrau gehört. Sie kann die anderen Ehefrauen nicht unterhalten, während du mit deren Ehemännern Geschäfte machst. Du sprichst keine Gebärdensprache. Sie ist für diese Ehe ungeeignet. Sie haben uns beschädigte Ware angedreht, was ziemlich respektlos ist. Nimm Aria. Ich glaube, sie passt am besten zu dir.“
Das sind die genauen Worte meines zukünftigen angeheirateten Cousins, wenn man ihn denn überhaupt so nennen kann.
Er ist der Cousin meines Verlobten, Luca Marcellous.
Der Hochzeitstermin stand fest.
Das Brautkleid war gekauft.
Die Hochzeitstorte war ausgewählt.
Jetzt hat mein angeheirateter Cousin Bedenken, was mich angeht.
Nicht, dass es mich kümmerte – aber das tat es eben doch. Denn er war der Vollstrecker des Marcellous-Clans. Wenn er mich für ungeeignet erklärte, weil ich stumm war, würde ihm jeder glauben.
Es besteht die Möglichkeit, dass die Hochzeit abgesagt wird und ich für immer in diesem vergoldeten Albtraum von einem Haus festsitze.
Dem Anwesen der Duforts, meinem Zuhause.
Und wenn das passierte, würde ich vielleicht meinen sorgfältig ausgearbeiteten Plan, die Duforts einen nach dem anderen zu vernichten, über den Haufen werfen und sie stattdessen einfach alle in einem Sturm der Wut umbringen.
Nun, das darf ich nicht zulassen.
Ich stimme ja zu. Ich war nicht die Braut, die sie wollten.
Aria, meine Cousine, sollte eigentlich Luca heiraten.
Aber sie wurde in einer ziemlich kompromittierenden Situation mit ihrem sogenannten besten Freund erwischt.
Also fiel die Wahl auf mich – das Opfer, das die Duforts erbrachten, um die „Dinge“ mit den Marcellous zu regeln.
„Beschädigte Ware.“ So hat er mich genannt.
Man hat mich schon Schlimmeres genannt. Normalerweise hätte es mich nicht gekümmert.
Aber dieser Mann hat das letzte Wort, was meine Ehe angeht.
Ich muss Luca unbedingt heiraten.
Er war nicht gerade das ideale Ehemann-Material.
Genauso wenig wie ich das ideale Ehefrau-Material bin.
Aber er wird genügen.
Er muss.
Durch das Guckloch zu spähen und das Gespräch meiner zukünftigen Schwiegerfamilie zu belauschen, ist keine kluge Idee.
Was soll ich sagen?
Ich war noch nie die Kluge.
Also machte ich weiter, während Luca, mein Verlobter, sich räusperte.
„Machst du dir da nicht ein bisschen zu viele Gedanken, kleiner Bruder? Sie wird meine Frau sein. Und du wirst ihr den Respekt erweisen, der der Frau des zukünftigen Dons des Marcellous-Clans gebührt. Und was ist schon dabei, wenn sie stumm ist?“
Ganz genau. Sag’s ihm, Luca. Mir fehlt –
„Sie kann nicht stöhnen oder schreien wie andere, wenn ich sie hart ficke“, lachte Luca, und für den Bruchteil einer Sekunde sah ich, wie sich die Kiefermuskeln meines zukünftigen angeheirateten Cousins anspannten.
„Luca.“ Das war Kai, der ihn ermahnte. „Zeig ihr etwas Respekt. Die Hochzeit steht erst noch bevor.“
„Sie ist schließlich nur ein Mädchen“, argumentierte Luca. „Sie ist ein Nichts im Vergleich zu mir. Wie Kade schon sagte, sie ist beschädigte Ware. Aber Aria ist keine Jungfrau mehr. Sie schon.“
Ich zuckte zusammen und kniff ein Auge zu. Dann hob sich Kades Blick und traf meinen direkt durch das Guckloch.
Mein Körper schreckte zurück. Nicht aus Angst – zumindest hätte es keine Angst sein sollen. Aber die Art, wie er den Blick hob, ohne den Kopf zu bewegen, und mich mit Augen fixierte, die aussahen, als würden sie alles sehen, jagte mir einen eiskalten Schauer über den Rücken.
Er tat es, als wüsste er genau, dass ich da war.
Eilig hastete ich zurück zur Treppe, um hinunterzugehen und an meiner Verlobungsfeier teilzunehmen.
Zehn Schritte bis zur Treppe.
Fünf Schritte bis zur Treppe.
Drei …
Zwei …
Verdammt! Ich war aufgeflogen.
Eine harte Brust, die sich unter einem schwarzen Hemd spannte, versperrte mir den Weg.
Eine schwielige Hand ruhte auf der Säule, die andere war in seiner Hosentasche vergraben.
„Willst du irgendwohin, kleiner Geist?“ Die Stimme meines zukünftigen angeheirateten Cousins glitt wie Rauch über mich.
Wie zur Hölle hatte er mich abgehängt? Er war wahrhaftig der Geist, als den sie ihn alle bezeichneten. Und nun nannte er mich so.
Er war im Raum.
Wie verdammt noch mal hatte er mich überlistet und stand nun direkt vor mir?
Aus einer sorgsam kultivierten Gewohnheit heraus fuhr ich mir mit der Zunge über die Lippen und nestelte an meinen Fingern.
Ein Hauch von Whiskey haftete an ihm, schwer und betörend, als hätte die Macht selbst einen Duft.
Bei Luca hatte ich so etwas noch nie gespürt.
Hatte mein Verlobter jemals nach Macht gerochen?
Niemals, antwortete meine innere Stimme.
Langsam hob ich den Kopf und traf auf diese tiefliegenden, honigfarbenen Augen. Sie musterten mich, als könnte er meine Gedanken freilegen, und wenn er nur tief genug blickte, würde er sie auch finden.
Eine dicke Narbe zog sich über die linke Seite seines Gesichts, grausam und unregelmäßig. Von der Schläfe bis hinab zum Mundwinkel schnitt sie durch seine Bartstoppeln und spaltete seine Gesichtszüge wie eine Klinge, die sich durch Fleisch bohrt.
Irgendwie ließ ihn das nur noch attraktiver, noch unausstehlicher und noch weitaus interessanter wirken.
Na ganz toll.
Jeder, den ich auch nur ansatzweise interessant fand, entpuppte sich als furchtbar schlechte Idee.
Wir standen wie erstarrt da – ich klein und in die Enge getrieben, er hoch über mir aufragend –, bis sein Blick auf meinen Hals fiel.
Seine Augen verfinsterten sich. Seine Kiefermuskeln spannten sich an. Die Adern an seinem Unterarm traten deutlich hervor, wo er sich gegen die Säule stützte.
Warum starrte er auf meinen Hals?
Genau das gebärdete ich mit meinen Händen, wohl wissend, dass er es ohnehin nicht verstehen würde.
„Warum starrst du auf meinen Hals? Bist du ein Vampir?“
Sein brennender Blick wanderte von meinen Händen zu meinen Augen und wieder zurück zu meinen Händen.
Ich hörte Schritte näherkommen, wich langsam einen Schritt zurück und ging dann an ihm vorbei.
Meine Nerven hatten sich noch immer nicht beruhigt.
Ich kannte gefährliche Männer. Ich war in ihre Welt hineingeboren worden, mit ihnen aufgewachsen und stand kurz davor, einen von ihnen zu heiraten.
Aber Luca ist berechenbar.
Er denkt mit seinem Schwanz und ist im Grunde nur ein Riesenbaby mit einem Ego von der Größe eines Elefanten.
Sein Cousin Kade hingegen gibt absolut nichts preis.
Selbst sein Lächeln wirkt wie eine tödliche Drohung.
Und er verbirgt sich stets in den Schatten.
Als ich mich umsah, wurde ich von Kai und Luca begrüßt, doch von Kade fehlte jede Spur.
Er war verschwunden.
Einfach so.
Er tauchte erst wieder auf der Party auf, als zwei Männer aneinandergerieten – ganz so, als wäre es seine Pflicht, das Chaos zu beseitigen.
Einer der Streithähne war ein Leibwächter der Duforts, der andere ein Soldat der Marcellous.
„Du bist ein elender Wurm“, zischte der Leibwächter. „Du hast mir nicht vorzuschreiben, was ich tun darf und was nicht.“
„Und du bist ein verdammtes Kind. Geh zurück in die Schule. Das hier ist nicht der richtige Ort für dich.“
Die meisten Gäste – die kultivierte Gesellschaft von der Seite der Duforts – beobachteten das Geschehen mit blankem Entsetzen, während die Gäste aus der Familie meines Verlobten johlten und die beiden weiter anstachelten.
„Du weißt nicht, wer ich bin“, blaffte der Leibwächter.
„Du weißt nicht, wen ich hinter mir habe.“
In diesem Moment schritt Kade ein. Er tauchte wie aus dem Nichts auf und zog seinen Soldaten zurück.
Als der Leibwächter die Hand hob und eine Whiskeyflasche umklammerte, warf Kade ihm nur einen einzigen Blick zu.
Einen kalten, herablassenden Ich-bringe-dich-um-wenn-du-dich-auch-nur-rührst-Blick.
Der Leibwächter erstarrte tatsächlich für ein paar Sekunden, bevor er die Hand wieder sinken ließ.
„Siehst du, Kade wird dich fertigmachen“, höhnte der Soldat.
„Warum sollte ich?“, fragte Kade ruhig mit seiner tiefen, beherrschten Stimme. „Ich bin schließlich kein Vampir.“
Mir stockte der Atem.
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Ich erstarrte auf der Stelle.
Ich musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, dass er mich beobachtete.
Denn ich spürte es in meinem Nacken, spürte es meine gesamte Wirbelsäule hinab.
