Das 10. Jahr der unerwiderten Liebe

Herunterladen <Das 10. Jahr der unerwiderten ...> kostenlos!

HERUNTERLADEN

Kapitel 7

Clara starrte Beatrice fassungslos an, starrte auf dieses seltsame Lächeln, das an Befreiung grenzte. Ihr Herz stolperte unbehaglich, während sie zum Arbeitszimmer eilte und schluchzend Brian herbeirief.

In der Sorge, sie könnten mehr Unterstützung brauchen, rief sie auch Beatrices jüngeren Bruder Nathan aus dem Hauptschlafzimmer.

Nathan erschien mit blaugefärbten Haaren und fläzte sich sofort aufs Sofa, um ein Handyspiel zu spielen. Seine limitierten Sneaker wippten, als er die Beine übereinanderschlug, während Kampfgeräusche aus seinem Handy plärrten.

Clara und Brian, die gerade aus dem Arbeitszimmer kamen, musterten Beatrice, als würden sie die finale Leistung eines Produkts bewerten. Beatrice ignorierte sie und zog ihr Handy aus der Handtasche.

„Rufst du endlich Frederick an, um um Vergebung zu betteln?“, bemerkte Nathan mit beiläufiger Verachtung und blickte kurz auf. „Das hättest du früher tun sollen, anstatt zu warten, bis Mom ausrastet.“

Beatrice ignorierte ihn, wählte eine Nummer, die sie auswendig kannte, und stellte auf laut. Clara hielt den Atem an und starrte auf das Handy, als wäre es das Instrument, das über das Schicksal der Familie Jennings bestimmen würde.

Neben ihr legte Brian seine übliche Fassade des Wohltäters ab; seine Augen hinter den Brillengläsern verrieten unverkennbare Besorgnis. 

Das rhythmische Freizeichen hallte durch das stille Wohnzimmer. Sogar Nathan pausierte sein Spiel, um zuzuhören.

„Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist zurzeit ausgeschaltet.“ Die mechanische Frauenstimme drang klar durch, gefolgt vom Tuten der Leitung.

„Beatrice! Sieh nur, was du angerichtet hast!“ Claras Gesicht lief rot an, als sie ihr das Handy entriss und erneut wählte, nur um dasselbe Ergebnis zu erhalten. „Frederick nimmt jetzt nicht einmal mehr deine Anrufe an.“

Ihr kurzer Anflug von Mütterlichkeit verschwand und wich der Wut über zerstörte Hoffnungen. „Nutzlos! Du schaffst es nicht einmal, das Interesse eines Mannes aufrechtzuerhalten. Wir haben dich jahrelang zur Dame der Gesellschaft erzogen – nur damit du ein Dekorationsstück im Hause Stuart bist?“

Clara tigerte wütend auf und ab. „Wenn Frederick nicht ans Telefon geht, was wird dann aus dem Immobilienprojekt in East City? Das Lebenswerk deines Vaters, die Zukunft deines Bruders – alles ruiniert, nur weil du dich von diesem Niemand nicht fernhalten konntest.“

Beatrice nahm sich ihr Handy zurück, auf dessen dunklem Bildschirm sich ihr ausdrucksloses Gesicht spiegelte.

„Er geht nicht einmal ans Telefon?“ Nathan wippte mit dem Fuß und hob träge den Blick. „Sieht so aus, als wäre deine Position als Vorzeigefrau in Gefahr, Schwesterherz. Er macht sich nicht einmal mehr die Mühe, den Schein zu wahren – hat einfach sein Handy ausgeschaltet.“

Er musterte Beatrice von oben bis unten mit einem süffisanten Grinsen, warf sein Handy beiseite und sank tiefer in die Sofakissen. „Warum sich dagegen wehren? Sie war doch schon immer dazu bestimmt, verkauft zu werden. An Frederick verkauft, an Lucius verkauft – wo ist da der Unterschied?“

Seine Stimme triefte vor Spott. „Vielleicht zahlt Lucius aus Nostalgie ja mehr und rettet Dads scheiterndes Projekt.“

„Halt den Mund!“, fuhr Brian ihn an, wenn auch ohne echte Wut – es war eher das Zurschaustellen seiner gewohnten Autorität. 

Er sah Beatrice stirnrunzelnd an, mit einem schwer zu deutenden Gesichtsausdruck. „Bea, dein Bruder drückt sich derb aus, aber er hat nicht unrecht. Diese Situation erfordert umgehend eine Lösung.“

Beatrices Herz fühlte sich an, als wäre es in Eiswasser getaucht und dann herausgezogen worden, um im kalten Wind zu gefrieren. Das war ihre Familie. Die eine zwang sie, einem Gönner zu gefallen, der andere schlug vor, sie solle sich erneut verkaufen.

Gerade als Clara vortreten und ihren ganzen Frust an Beatrice auslassen wollte, meldete sich ihr eigenes Handy mit einer Eilmeldung. 

Noch immer vor Wut schnaubend, warf Clara ungeduldig einen Blick darauf. Sie wollte die Benachrichtigung eigentlich wegwischen, aber die fettgedruckte Schlagzeile und dieser ins Auge springende Nachname brachten sie dazu, die Meldung anzutippen.

#Aktie der Stuart Group schwankt zum Börsenstart, Gerüchte deuten auf Ehekrise von CEO Frederick hin

Die Benachrichtigung der Finanznachrichten nahm die Hälfte ihres Bildschirms ein. Mit zitternden Händen öffnete Clara den Artikel. Unter der fettgedruckten Schlagzeile stand ein Satz, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

[Quellen zufolge sind bestimmte Aktionäre der Stuart Group zutiefst unzufrieden mit der jüngsten negativen Publicity rund um die Frau des CEOs, da diese dem Ruf des Konzerns schade. Um die Aktienkurse und das Vertrauen der Investoren zu stabilisieren, könnte Frederick eine Scheidungsvereinbarung in Erwägung ziehen.]

Scheidung. Clara wurde schwarz vor Augen, als ihr Handy auf den teuren, handgewebten Teppich fiel.

„Mama, was ist los?“, fragte Nathan achtlos, als er ihre Reaktion bemerkte.

Clara antwortete nicht. Sie starrte auf das heruntergefallene Handy. Ihre Lippen bebten, und ihre Gesichtsfarbe wechselte von rot zu blass und schließlich zu aschfahl.

„Was gibt's denn für große Neuigkeiten? Warum das Drama?“, spottete Nathan und bückte sich, um das Handy aufzuheben. Als er den Bildschirm sah, erstarrten sein Spott und seine Lässigkeit augenblicklich.

„Was ist los?“ Brian bemerkte das seltsame Verhalten seiner Frau und seines Sohnes und trat stirnrunzelnd näher. Als er die Nachricht las, wich alle Farbe aus seinem Gesicht.

„Scheidung?“, stotterte Brian mit brechender Stimme. Sein Gesicht wurde aschfahl, sein Atem ging schwer. „Das... das kann nicht sein! Das ist absurd!“

Sollte Frederick sich von Beatrice scheiden lassen, was würde dann aus der Familie Jennings werden? Das East-City-Projekt würde nicht nur ins Stocken geraten – sie könnten von Glück reden, wenn die Stuart Group sie nicht aktiv vernichten würde.

Wer war Frederick? Ein globaler Wirtschaftstitan mit eiserner Faust, der schon bei kleinsten Kränkungen Vergeltung übte.

Früher hätte seine kalte Schulter vielleicht noch Raum für Verhandlungen gelassen, doch jetzt, da der Skandal die Aktienkurse der Stuart Group beeinträchtigte, war dies kein einfacher Familienstreit mehr – es bedrohte seine Kerninteressen.

Was würde er Beatrice und der gesamten Familie Jennings antun?

Clara und Brian tauschten Blicke aus, und beide erkannten die verheerende Angst in den Augen des anderen.

Sie sorgten sich nicht länger um das gescheiterte Projekt, sondern vielmehr darum, ob Fredericks Zorn die gesamte Familie Jennings zerschmettern würde.

Nathan wirkte noch verzweifelter als seine Eltern, da er praktisch dachte.

Ohne Frederick als Schwager – was würde aus dem limitierten Sportwagen werden, den er für nächsten Monat bestellt hatte? Würden seine Freunde ihm immer noch nach dem Mund reden? Würde seine unlimitierte Kreditkarte sofort gesperrt werden?

„Nein... das dürfen wir nicht zulassen.“ Er sprang auf und stürzte auf Beatrice zu. Seine vorherige Verachtung war verschwunden, als er sie anflehte: „Bea! Tu doch was.“

Seine Stimme klang verzweifelt. „Du darfst dich nicht von Frederick scheiden lassen. Erklär ihm, dass Lucius dir nachgestellt hat – dass du das Opfer bist.“

„Ja, ja!“ Clara erwachte aus ihrer Starre, kroch zu Beatrice hinüber, um sich an ihre Beine zu klammern, und schluchzte hysterisch. „Bea, es war falsch von mir, so mit dir zu reden. Du darfst dich auf gar keinen Fall scheiden lassen.“

Sie griff fester zu, während ihr die Tränen über das Gesicht strömten. „Fleh ihn an! Frederick wird sich an eure Ehe erinnern – er kann nicht so herzlos sein.“

Auch Brian legte seine patriarchalische Haltung ab. „Bea, wir haben dir all die Jahre Unrecht getan, aber jetzt ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. Denk an das große Ganze.“

Beatrice senkte den Blick zu der weinenden Clara zu ihren Füßen, dann zu dem panischen Nathan und schließlich zu dem aschfahlen Brian.

Noch vor wenigen Minuten hatten sie sie gezwungen, „ihren Wert zu beweisen“, und sie wie eine Dienerin behandelt, die sie nach Belieben schikanieren konnten.

Jetzt hatte ein einziger unbestätigter Nachrichtenartikel sie in ihre Retterin verwandelt. Ihr „Wert“ schien in diesem Moment eine neue Definition gefunden zu haben.

Langsam zog Beatrice ihre Hand zurück. Sie hob den Kopf, um in drei Augenpaare voller Flehen und Angst zu blicken, und lächelte plötzlich.

Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel