Kapitel 2
All die Jahre hatte ich geglaubt, man könne Schmerz überwinden, doch ich hatte mich geirrt. Es gab kein Entkommen, keine Gewöhnung an die Qual oder den stechenden Schmerz in meinem Herzen. Meine körperlichen Wunden würden irgendwann heilen, doch nichts konnte die Leere in meinem Inneren füllen.
Ich zuckte nicht zusammen, als Ailana meine Wunden säuberte. Dieselben Wunden, die mir ihr Vater zugefügt hatte – der Alpha des Silver-Moon-Rudels.
Ailana ist die Einzige in diesem Rudel, die mich bei meinem Namen nennt; es fühlt sich an, als sei sie auch die Einzige, die sich überhaupt noch daran erinnert. Wenn es die anderen doch taten, so taten sie zumindest so, als wüssten sie ihn nicht. Sie zogen es vor, mich einfach nur Sklavin zu nennen. Ich war für jeden in diesem Rudel eine Sklavin, selbst für die Omegas und die latenten Wölfe.
„Dein Wolf heilt dich zwar, aber du musst dich trotzdem ausruhen. Ich werde Zella sagen, dass sie dir für den Rest des Tages frei geben soll“, sagte Aila mit unverhohlenem Widerwillen.
Ich schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Ich kann arbeiten, ich bin stark genug“, protestierte ich. Zella hat die Aufsicht über die Küche hier im Silver-Moon-Rudel, und ich glaube, sie hegt einen ganz besonderen Hass auf mich. Ich konnte es ihr nie recht machen. Wenn ich das gesamte Geschirr des Rudels allein abwusch, beschwerte sie sich, dass ich einen Löffel nicht richtig gesäubert hätte. Wenn ich mir beim Schrubben der Böden besondere Mühe gab, achtete sie darauf, genau dann darüberzutrampeln, kurz bevor sie trocken waren. Während jede Aushilfe und jeder Omega zweimal am Tag aß, sorgte sie dafür, dass ich nur ihre Reste bekam.
Ich konnte meiner lieben Freundin nicht erzählen, was beim letzten Mal passiert war, als sie versucht hatte, mir bei Zella freizunehmen: Zella hatte dafür gesorgt, dass ich meine „Ruhe“ eingepfercht in ihrem Vorratsschrank verbrachte – fast ohne Luftzufuhr und in völliger Dunkelheit. Niemals könnte ich Ailana gestehen, dass ich am nächsten Tag dafür büßen musste, indem sich meine Aufgaben verdoppelten und ich im Alleingang sämtliche Toiletten des Rudelhauses putzen musste.
Ob ich krank war oder nicht, ob ich voller Blutergüsse war oder nicht, ob der Alpha oder einer der ranghöheren Wölfe beschloss, mich zu bestrafen oder nicht – ich musste zur Arbeit antreten, sonst erwartete mich nur noch mehr Strafe.
Ailana holte scharf Luft und murmelte etwas Unverständliches. Ich frage mich oft, warum sie überhaupt mit mir befreundet sein will. Sie ist wunderschön und stark. Eine Alpha-Wölfin noch dazu. Sie hat eine schmale Taille, einen vollen Busen und genau die richtigen Hüften sowie den passenden Po dazu. Sie besitzt das natürliche Selbstvertrauen und die Anmut, die eine Alpha-Wölfin auszeichnen sollten. Ihre Augen haben den schönsten Blauton, den ich je gesehen habe, und ihr Haar ist wellig und voluminös – das Einzige, was wir gemeinsam haben. Müsste ich sie jemals mit einem einzigen Wort beschreiben, dann wäre es: „Perfekt“.
Ich hatte erwartet, dass sie sich ändern würde. Dass sie vielleicht eines Tages aufwacht und erkennt, dass ich ein wertloses Stück Dreck bin, und ihre Zeit nicht mehr damit verschwendet, nett zu mir zu sein. Aber sie hat mich unzählige Male verteidigt, sogar vor ihrem Vater. In den letzten zehn Jahren hat sie fast täglich Essen für mich hereingeschmuggelt und viel zu oft meine Wunden versorgt. Sie ist der einzige Grund, warum ich noch durchhalte. Sie ist der Grund, warum ich mich noch nicht die Klippe hinuntergestürzt habe.
„Willst du es sehen? Ich kann ein Foto machen, damit du es dir ansehen kannst“, bot sie an, um mir zu zeigen, wie die Narben auf meinem Rücken aussahen, da ich keinen Spiegel besitze, doch ich schüttelte den Kopf. Ich taumelte auf die Beine und erhob mich von dem Hocker, auf dem ich gesessen hatte – dem einzigen Gegenstand, der in dem winzigen Raum, den ich mein Zimmer nenne, als Sitzgelegenheit durchgeht.
Ailana saß im Schneidersitz auf meiner dünnen Schaumstoffmatratze, die leblos auf dem Boden lag. Die Matratze ist in der Mitte durchgelegen; dort zu schlafen ist fast dasselbe, als läge man auf dem nackten Boden, weshalb ich mich auf eine der Seiten quetschen musste, um wenigstens ein bisschen Komfort zu haben. Aber ich habe mich an die Rückenschmerzen gewöhnt, die meine Schlafposition mit sich bringt. Seit zehn Jahren schlafe ich nun schon auf diesem Ding, und es war schon nicht mehr ganz neu, als ich es damals in diesen winzigen Verschlag geschmuggelt hatte.
„Was bringt es schon, das zu sehen?“, murmelte ich und griff nach einem Shirt aus meinem kleinen Rucksack auf dem Boden. Ich hatte diesen Rucksack von meiner Mutter zu meinem achten Geburtstag bekommen; es war das letzte Geschenk, das ich je in meinem Leben erhalten habe. Dieses Andenken ist mir vom Silent-Moon-Rudel zum Silver-Moon-Rudel gefolgt, und mein gesamter Besitz passt noch immer hinein.
Ich hatte schon einmal versucht zu fliehen, aber ich war nicht weit gekommen. Tatsächlich hatte ich es nicht einmal durch die Tore des Rudelgeländes geschafft. Ein Krieger, der in jener Nacht Wache hielt, erwischte mich, als ich versuchte, mich unbemerkt am Tor vorbeizuschleichen. Ich weiß noch, wie ich ihn anflehte, keinen Alarm zu schlagen.
„Ich lasse dich durch diese Tore gehen, ohne jemandem ein Wort zu sagen, wenn du mir etwas Geld gibst“, hatte er mir gesagt.
Ich besaß ein wenig Geld, das ich genau zu diesem Zweck gespart hatte. Es war nicht viel, aber ich händigte es ihm bereitwillig aus. Es war besser, mittellos in der Fremde zu stehen, als hierzubleiben und noch mehr Schmerzen zu ertragen. Doch ich war dumm, ihm vertraut zu haben; ich war eine Närrin zu glauben, er würde mich einfach passieren lassen. Er nahm mir mein ganzes Bargeld ab, lächelte mich an, tat so, als würde er mich durchlassen, und begann dann zu heulen, womit er jeden anderen Wolf alarmierte, der in dieser Nacht Patrouille lief.
Ich wurde ergriffen, verprügelt, nackt ausgezogen und im Rudel zur Schau gestellt. Die darauffolgende Woche verbrachte ich in den Kerkern, eingesperrt in einer der winzigsten Zellen, die ersten zwei Tage ohne Essen oder Wasser. Wie ich diese Woche überlebt habe, werde ich wohl nie begreifen. In genau jener Woche begann ich, Stimmen in meinem Kopf zu hören. Eine Stimme, die nicht zu meiner Wölfin gehörte. Das ist etwas, das ich niemals jemandem erzählen kann; ich bin nicht bereit, „Verrückte“ zu der Liste der Beleidigungen hinzuzufügen, die man mir an den Kopf wirft.
Wegen meiner Wunden konnte ich keinen BH tragen, also half mir Ailana einfach in das Shirt. Ich habe ohnehin keine großen Brüste, also würde es wohl kaum jemandem auffallen, dass ich keinen BH trug.
Als ich mich zu Aila umdrehte, wischte sie sich gerade Tränen aus den Augen. Man muss wissen: Aila ist eine der stärksten Kriegerinnen des Rudels. In all der Zeit, die ich sie kenne, ist sie nie aus einem Grund zusammengebrochen, der nichts mit mir zu tun hatte. Sie hat oft mit mir geweint, wegen meiner Situation, aber ich bin die Einzige, die sie je hat weinen sehen.
Als Tochter eines Alphas und selbst eine Alpha erwartete jeder ein gewisses Maß an Stärke von ihr. Sie hat wohl ihre eigenen Probleme, nehme ich an, aber was würde ich darum geben, an ihrer Stelle zu sein. Ich würde zu gerne wissen, wie „schwer“ es ist, wenn sich alle um einen scharen, einem jeden Wunsch von den Augen ablesen und mit einem befreundet sein wollen. Doch Ailana hatte nicht viele Freunde, schlichtweg weil sie sich dafür entschieden hatte, mit mir befreundet zu sein. Es war nicht so, dass nicht jedes weibliche Rudelmitglied ihre Freundin sein wollte, aber sie hatte sich auf meine Seite geschlagen. Sie konnte nicht mit mir befreundet sein und gleichzeitig mit ihnen.
„Bitte, weine nicht. Ich fühle mich schon besser als vor zwei Stunden“, versicherte ich ihr. Draußen regnete es immer noch, aber nicht mehr so stark.
„Es ist schwer, dich so zu sehen und nichts dagegen tun zu können. Ich bin verdammt noch mal die Tochter eines Alphas, und es ist zum Kotzen, dass ich so wenig Macht habe. Ich schwöre dir, ich werde härter trainieren, damit ich meinen Bruder im Kampf um den Alpha-Posten schlagen kann. Das ist der einzige Weg, wie ich die Dinge verbessern kann. Wenn ich kein Alpha werde, darf ich keine Entscheidungen darüber treffen, was in diesem Rudel passiert“, klagte sie.
Ich lächelte schwach. Ihr Bruder Zayden war der nächste Anwärter auf den Alpha-Titel. Er ist mindestens drei Jahre älter als Ailana, aber Alpha Thane hatte eines Tages verkündet, dass er beiden Kindern erlauben würde, um die Alpha-Position zu kämpfen, anstatt sie einfach an seinen erstgeborenen Sohn weiterzugeben. Diese Ankündigung war vielleicht die einzige vernünftige Entscheidung, die Alpha Thane je getroffen hat.
Was die Statur angeht, ist Zayden doppelt so breit wie seine Schwester. Er ist massig gebaut und ein hervorragend ausgebildeter Kämpfer. Er hatte viele Monate an der Alpha-Akademie trainiert, um sich für den Posten zu qualifizieren – ein Vorteil, den er Ailana voraushatte. Aber er war ein zügelloser Bastard.
Er war außerdem mein größter Albtraum. Schlimmer noch als Alpha Thane. Er ist der Mann, der mein Leiden hätte beenden sollen, doch es bereitete ihm Vergnügen, mich leiden zu sehen. Er ist der Mann, von dem ich gehofft hatte, er würde mich aus all dem hier retten; er ist derjenige, für den ich in so vielen Nächten zur Mondgöttin gebetet hatte. Doch er brachte mir mehr Schmerz, als ich je hätte ertragen müssen. All die Qualen durch die Peitsche des Alphas waren nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den ich seinetwegen erdulden musste. Zayden Vaughn. Mein Gefährte.
