Erstes Kapitel
Genevieves Magen sackte in die Tiefe, als Mallory ihre Karten mit einem selbstgefälligen Grinsen auf den Tisch legte. Sie gab dem Alkohol die Schuld … und Mallorys unerträglich schriller Stimme, die sie überhaupt erst dazu getrieben hatte, bei dem Kartenspiel mitzumachen. Normalerweise war sie eine gute Pokerspielerin. Mallory allerdings schien so gut zu sein, als würde sie mit Sonnenbrille in irgendeiner Fernsehshow antreten.
„Was bedeutet das?“, fragte Jada und rückte die weiße Schärpe zurecht, die allen verriet, dass sie die zukünftige Braut war.
„Das bedeutet“, begann Mallory, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, ein Funkeln in den Augen. „Dass deine Schwester mir einen Ring schuldet.“
Die anderen Frauen um sie herum schnappten nach Luft. Gen blickte auf den Ring ihrer Mutter hinunter. Sie drehte ihn an ihrem rechten Ringfinger, wo er seit vierzehn Jahren jeden Tag gesessen hatte.
„Mallory, das kannst du nicht. Ich bin die Braut, und du kannst die Braut doch nicht aufregen, oder?“, flüsterte Jada, während ihr Blick zwischen den beiden Frauen hin und her huschte, die einander anstarrten. „Der Ring … er war …“
Gen hob die Hand, um ihre Schwester davon abzuhalten, zu viel zu sagen. „Doppelt oder nichts“, forderte Gen und reichte Jadas Collegefreundin Lucy bereits das Kartendeck zum Mischen.
Mallory musterte ihre makellose französische Maniküre mit prüfendem Blick. „Hmmm, nein“, verkündete sie mit diesem selbstgefälligen Lächeln, das in Gen den Wunsch aufsteigen ließ, über den Tisch zu greifen und sie zu würgen.
„Ach komm, Mallory“, sagte Lucy und mischte weiter. „Das Spiel war der aufregendste Teil des Abends!“ Lucy sah zu Jada hinüber, die die Arme verschränkte und die Lippen schmollend verzog. „Tut mir leid, Jada.“
Gen lachte leise, während sie noch einen Tequila kippte. Sie wollte es nicht sagen, aber sie konnte nur zustimmen. Das hier sollte ein Junggesellinnenabschied sein. Eigentlich hätten sie in irgendeinem Stripclub in der Innenstadt sein sollen, Geldscheine werfen und Stripper Wodka von ihren Bauchnabeln lecken lassen. Stattdessen saßen sie in einer schicken Bar auf der Lower East Side von Manhattan, die nach Testosteron roch. Wenn Gen näher gewohnt hätte, hätte sie den Abend selbst geplant, und ihre Schwester würde jetzt Männerhorden abwehren, statt gegen den Drang anzukämpfen zu gähnen.
Nicht zum ersten Mal ließ sie den Blick durch die kleine Bar schweifen, in deren Ecke ein Quartett spielte. Der Laden war schön. Er hatte diesen Speakeasy-Charme aus einer anderen Zeit, mit dunklem Holz, einer langen Theke und einem geschniegelt wirkenden Barkeeper. Unter normalen Umständen hätte Gen sich gut vorstellen können, sich schick zu machen und sich hier mit Freunden zu einem späten Treffen einzufinden. Aber für einen Junggesellinnenabschied? Sogar die verschiedenen Männer, die herumstanden, wirkten niedergeschlagen. Die meisten waren tätowiert und doppelt so groß wie die, denen sie in Boston normalerweise begegnete. Sie alle trugen dunkle Anzüge, und eine Wolke aus Trauer schien auf ihren Schultern zu lasten.
Gen sah zur Bar, zu dem Mann, der ihr in dem Moment aufgefallen war, als sie im Schlepptau der übertrieben fröhlichen Frauengruppe hereingekommen war. Er saß allein an der Theke, und die Männer um ihn herum hielten deutlichen Abstand. Er sah genauso aus wie vor einer Stunde. Den Kopf stützte er in die rechte Hand, in der eine brennende Zigarette gefährlich nah an seinem wunderschön satten braunen Haar hing, das bis auf ein paar Strähnen, die ihm über die Stirn gefallen waren, nach hinten gekämmt war. Mit der linken Hand drehte er ein halb geleertes Glas bernsteinfarbener Flüssigkeit. Seine Haltung wirkte in sich zusammengesunken, als würde sein ganzer Körper nur noch von seiner rechten Hand aufrecht gehalten. Als ebenjene Hand herabkam, damit er an seiner Zigarette ziehen konnte, war sie fast überrascht, dass sein Kopf nicht gegen die hölzerne Theke schlug. Ihr Herz schmerzte für ihn.
„Ja! Mach dieses Ding aus Wie werde ich ihn los !“, schlug Rachel vor und hüpfte auf ihrem Sitz. Lucy und Jada legten ihr jeweils eine Hand auf die Schultern, um sie zu beruhigen.
Gen versuchte, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. „Was ist denn jetzt los?“
„Hm, das gefällt mir“, sagte Mallory.
„Was gefällt dir?“, fragte Gen.
Jada seufzte. „Rachel hier, immer die hilfsbereite Dame, hat vorgeschlagen, dass Mallory einen Mann für dich aussucht, den du mit nach Hause nimmst.“
„Wie die Wette in Wie werde ich ihn los in 10 Tagen!“, wiederholte Rachel.
Gen lachte, was die Blicke einiger der Männer in ihrer Nähe auf sie zog. „Das ist gut.“
„Ich will das machen“, kicherte Mallory.
„Nein.“
Mallory beugte sich vor und hielt die Hand hin. „Dann gib mir den Ring.“
Gens Kiefer spannte sich an, ebenso die Faust, in der sie den Ring ihrer Mutter hielt. Sie könnte sie schlagen. Es wäre nicht das erste Gesicht, das den Abdruck des Verlobungsrings ihrer Mutter tragen würde.
„In Ordnung“, presste sie zwischen den Zähnen hervor.
Rachel klatschte aufgeregt in die Hände. „Mal sehen, mal sehen, wen wir finden können, der …“
„Ihn“, sagte Mallory ohne das geringste Zögern.
Die Frauen um sie herum schnappten alle nach Luft, als sie dem Weg ihres Fingers folgten. Gen blickte über ihre Schulter, und ihr Herz setzte aus. Sie zeigte auf den Mann, der allein an der Bar saß. Den, von dem sie die ganze Nacht den Blick nicht hatte abwenden können. Sie verzog den Mund zu einem Grinsen, fing ihren Ausdruck dann jedoch wieder ein, als sie zu Mallory zurücksah.
Jadas besorgte Augen wandten sich zu ihrer künftigen Schwägerin. „Mallory, nein. Nimm irgendwen sonst. Ich lasse nicht zu, dass …“
„Abgemacht“, sagte Gen, beugte sich vor und umfasste Mallorys ausgestreckte Hand. Als sie sie wieder zurückziehen wollte, hielt Mallory sie fest.
„Denk aber daran: Wenn er dich abweist, gehört mir dein Ring“, sagte Mallory mit einem unheilvollen Grinsen, wie Gen es bisher nur von Horrorfilmplakaten kannte.
Gen schaffte es, ihre Hand loszureißen. Sie kippte ihren letzten Shot hinunter und stand auf. Sie strich ihr Kleid glatt und warf ihr taillenlanges schwarzes Haar über die Schultern. Jada sprang von ihrem Stuhl auf und packte Gen am Arm, bevor sie losgehen konnte.
„Weißt du, wer das ist?“, flüsterte sie, ihre Stimme verstopft vor Nervosität.
„Nein. Ist er so eine Art Berühmtheit?“, fragte Gen und musterte den Mann, der noch einmal an seiner Zigarette zog, bevor er sie im Aschenbecher ausdrückte. Mit einem Seufzer nahm er seine Zigarettenschachtel auf und zog mit den Lippen eine Zigarette heraus. Dann durchsuchte er seine Taschen nach einem Feuerzeug. Das wäre die perfekte Gelegenheit.
„Ja, er ist …“
„Danke, kleine Schwester, aber ich kümmere mich darum. Sag es mir nicht, das bringt mich nur durcheinander. Ich muss los“, sagte Gen und machte sich von ihrer Schwester los.
Gen ging zur Bar und ignorierte das besorgte Gemurmel der Frauen hinter sich. Ihr Ziel wühlte noch immer in seinen Taschen. Schnell überbrückte sie die Entfernung und wich dabei den neugierigen Blicken der anderen Männer im Raum aus. Sie trat an den Hocker neben dem geheimnisvollen Mann, der ihre Annäherung nicht zu bemerken schien. Er stieß ein frustriertes Knurren aus, als er seine Hand tief in seine rechte Tasche schob.
„Wodka Tonic“, sagte sie zu dem wartenden Barkeeper. Er nickte und ging davon. Sie warf einen Blick auf den Mann zu ihrer Rechten, der die Suche nach seinem Feuerzeug offenbar aufgegeben hatte und stattdessen finster auf das Getränk starrte, das er nun fest zwischen beiden hohlen Händen hielt. „Brauchen Sie Feuer?“, fragte sie vorsichtig.
Der Mann schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, wodurch sein Adamsapfel und die Sehnen an seinem Hals zur Geltung kamen, die in seinem dunklen Bart verschwanden.
„Verflucht, ja“, stöhnte er, und der Klang lag so nah an etwas Sexuellem, dass sich ihre Beine unwillkürlich zusammenpressten.
Gen zog ihr Feuerzeug aus der Handtasche. Sie hob die Zigarette von der Theke auf, zündete sie an und hielt sie ihm dann zwischen Mittel- und Zeigefinger hin. Beim roten Lippenstiftabdruck am Ende verzog sie das Gesicht. Sein Kopf fiel wieder nach vorn, und er nahm die Zigarette an sich, ohne auch nur einen Kommentar dazu zu machen. Er zog lang und tief daran. Dann ließ er seine Hand mit einem dumpfen Schlag auf die Theke sinken und blies den Rauch durch die Nase aus.
Er öffnete die Augen und starrte auf die Zigarette in seiner Hand hinab. Er hob sie an und drehte sie, damit er den ganzen Umriss ihrer Lippen sehen konnte. Sie hielt den Atem an, als er ihr einen seitlichen Blick zuwarf und seine Augen sofort zu ihren Lippen glitten. Unter seiner Musterung öffnete sie sie leicht. Jetzt konnte sie endlich sein ganzes Gesicht sehen, und die Schönheit dieses Mannes traf sie mit voller Wucht.
Sanfte braune Augen wurden von dichten schwarzen Wimpern umrahmt und durch eine markante Nase getrennt, die ganz sicher schon ein paarmal gebrochen gewesen war. Seine Lippen waren voll und sahen weich aus, als er seine Unterlippe zwischen die Zähne zog. Er blickte weg, bevor seine Augen wieder zu ihren aufstiegen, sodass sie nichts aus ihnen herauslesen konnte.
„Sie sind eine miserable Pokerspielerin“, bemerkte der geheimnisvolle Mann, bevor er noch einmal an der Zigarette zog. Seine Stimme war ein tieferer Bariton, als sie erwartet hatte, und sie trug einen Hauch italienischen Akzents in sich, als hätte er lange Zeit dort verbracht. Gen setzte sich fester auf den Barhocker, damit ihre Beine bei diesem Klang nicht nachgaben.
„Wie bitte?“
Er deutete mit einem Kopfnicken zu dem Tisch mit den Frauen, die sie beide aufmerksam beobachteten. „Als sich Ihr Blatt verschlechtert hat, stand es Ihnen im ganzen Gesicht geschrieben.“
„Sie haben uns also beobachtet, was?“, fragte sie und hoffte, dass sie kokett klang.
„Von dem Moment an, als Sie hereingekommen sind“, gab er zu. Er trank den letzten Schluck seines Whiskeys und pfiff nach dem Barkeeper, der ihm sofort einen neuen hinstellte. „Wo bleibt ihr Wodka Tonic?“, knurrte der geheimnisvolle Mann. Der Barkeeper stammelte ein paar Ausreden, bevor er ihr Getränk scheinbar aus dem Nichts auftreiben konnte.
„Danke“, murmelte sie.
„Also, was haben Sie verloren?“, fragte er.
„Noch nichts“, antwortete sie und nahm einen Schluck von ihrem Drink.
Der geheimnisvolle Mann lachte leise. „Mallory Carmichael lässt ihre Opfer nicht so leicht davonkommen. Sie schulden ihr etwas.“
„Sie kennen sie?“
„Leider.“
Gen trommelte mit den Fingern auf die Theke und blickte über die Schulter. Mallory saß zurückgelehnt auf ihrem Stuhl, ein selbstzufriedenes Grinsen ins Gesicht gemeißelt. Jada trommelte nervös mit den Fingern, während Rachel ihre Schultern massierte.
„Sie“, antwortete Gen schließlich.
Der geheimnisvolle Mann schnaubte. „Was ist mit mir?“
Gen holte tief Luft. „Doppelt oder nichts. Ich gehe mit Ihnen nach Hause, oder ich verliere den Ring meiner Mutter.“
